Theologische Fakultät
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GEORG-AUGUST-UNIVERSITÄT GÖTTINGEN



THEOLOGISCHE FAKULTÄT



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Nachruf auf Professorin a.D. Dr. theol. Anneliese Sprengler-Ruppenthal



(* 13. September 1923      † 21. März 2016)




Am 21.03.2016 verstarb Frau Prof. Dr. Anneliese Sprengler-Ruppenthal im Alter von 92 Jahren in ihrer Geburtsstadt Hamburg. Seit 1965 bekleidete sie eine Stelle als Universitätsdozentin an der Theologischen Fakultät in Göttingen; 1970 wurde sie zur apl. Professorin ernannt. 1978 übertrug ihr der niedersächsische Wissenschaftsminister eine Professur für das Fach „Kirchengeschichte mit besonderer Berücksichtigung der kirchlichen Rechtsgeschichte“. Bis zu ihrem Ruhestand 1985 lebte sie in Göttingen; danach kehrte die früh Verwitwete in ihre Heimatstadt zurück. An der dortigen theologischen Fakultät wirkte sie zwischen 1988 und 1996 als Gastprofessorin für Kirchengeschichte.

Frau Spengler-Ruppenthal war eine herausragende Kennerin der Kirchenrechtsgeschichte des Protestantismus, insbesondere der reformatorischen Kirchenordnungen, zu denen sie höchst substantielle und viel beachtete Studien und gediegene Editionen vorlegte. Bald nach ihrer Dissertation über „Gebete für den Herrscher im frühmittelalterlichen Abendland und die verwandten Anschauungen im gleichzeitigen Schrifttum“ (1950; Gutachter: H. Dörries, P.E. Schramm, O. Weber) war sie in die von dem Juristen Rudolf Smend und dem Theologen Ernst Wolf aus der Erfahrung des Kirchenkampfes heraus angeregte Editionsarbeit an den Kirchenordnungen im Kirchenrechtsgeschichtlichen Institut der EKD eingetreten; diverse auf Norddeutschland bezogene Bände des „Sehling“, der maßgeblichen Edition der evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, waren ihr Werk. 1965 habilitierte sie sich für das Fachgebiet „Kirchengeschichte mit besonderer Berücksichtigung der kirchlichen Rechtsgeschichte“ (Gutachter O. Weber, E. Wolf); das Thema der Arbeit (Mysterium und Riten nach der Londoner Kirchenordnung der Niederländer, gedruckt 1967) behandelte das innovative Forschungsgebiet einer Exulantengemeinden und eröffnete eine fruchtbare Forschungstradition innerhalb und außerhalb der Theologie. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Frau Sprengler-Ruppenthal zur besten Kennerin der protestantischen Kirchenrechtsgeschichte der Reformationszeit. Wie keine Zweite verstand sie es, die Bedeutung des kanonischen Rechts für die Rechtsentwicklung nach der Reformation transparent zu machen. Ein 2004 erschienener stattlicher Aufsatzband, der als Meilenstein der Forschung zu den evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts gelten kann, dokumentiert die Breite ihrer Kenntnisse und ihre stupende Gelehrsamkeit auf diesem Gebiet.

In ihrem letzten Lebensjahrzehnt hat die stolze Hanseatin eine beachtliche Autobiographie vorgelegt, die den subtilen Humor einer kämpferischen Persönlichkeit offenbart. Frau Sprengler-Ruppenthal hat sich mit Charme und Beharrlichkeit in einer männlich dominierten akademischen Welt, der es abwegig erschien, dass ihr Name auf dem Titelblatt eines von ihr bearbeiteten Editionsbandes erscheinen sollte, durchzusetzen vermocht. Als eine der ersten Professorinnen in einer theologischen Fakultät stand sie „im Sturm der Zeit“. Sie vermochte sich Respekt zu verschaffen; durch ihre Forschungsleistungen und ihre Kompetenz erwarb sie sich großes Ansehen. Die Lücke, die sie als Kennerin des evangelischen Kirchenrechts hinterlässt, ist nicht zu schließen. Als akademische Lehrerin war sie außerordentlich beliebt.

Die Theologische Fakultät Göttingen trauert um sie und wird ihr ein ehrendes Andenken bewahren.




Reinhard Feldmeier, Dekan

Thomas Kaufmann







Prof. Dr. Anneliese Sprengler-Ruppenthal