Geschichte des Niedersächsischen Wörterbuches

Gründung
Die Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch wurde am 1. Mai 1935 gegründet. Ihre Leitung übernahm der Altgermanist und damalige Rektor der Universität, Prof. Dr. Friedrich Neumann. Wenig später wurde die „Geschäftsstelle“ (so die Bezeichnung der Arbeitsstelle) am Seminar für Deutsche Philologie zur „Abteilung für niedersächsische Mundartenforschung“ umgewandelt.
Einziger (nicht fest angestellter) Mitarbeiter wurde der aus dem Ammerland stammende Dr. Hans Janßen. Seine Konzeption für das zu erarbeitende Wörterbuch zielte auf ein „Niedersächsisches Volkswörterbuch“ ab.
Nachdem somit – im Vergleich zu anderen Dialekträumen sehr spät – die organisatorischen Voraussetzungen für ein großlandschaftliches Dialektwörterbuch für den Bereich des späteren Bundeslandes Niedersachsen und für die Hansestadt Bremen geschaffen waren, betrieb H. Janßen nun mit großer Energie die vorrangig anstehende Aufgabe, die Sammlung des erforderlichen Quellenmateriales.

Materialsammlung
In den Jahren 1935–1938 wurde flächendeckend im gesamten Gebiet des heutigen Niedersachsens sowie der Hansestadt Bremen (in bestimmten Fällen auch in den angrenzenden Gebieten) mit acht von H. Janßen entwickelten Fragebogen umfangreiches sprachliches Daten-Material erhoben; zurückgesandt wurden diese Bögen aus rund 2 600 Gemeinden und Orten.
Daneben erließ H. Janßen (mehrfach) einen „Aufruf zur Mitarbeit am Niedersächsischen Wörterbuch“, mit dem Dialektwort-Material sammelnde Laien aufgefordert wurden, ihre Sammlungen der Arbeitsstelle zu geben. Geworben wurde mit Handzetteln und mit Zeitungsaufrufen, Ziel der Übernahme solcher freien Sammlungen in das Datenkorpus des Nds. Wb. war natürlich die Erhöhung der Menge der belegten Dialektwörter, mehr aber noch die Vermehrung der Kontext- oder Satzbelege sowie insbesondere der Ausgleich bestimmter Verzerrungen im Datenmaterial, die bei Erhebungen durch Fragebogen zu erwarten sind (es sind beispielsweise kaum „kleine Wörter“, aber auch wenig Verben im Fragebogenmaterial). Tatsächlich gingen in Göttingen zwischen 1935 und 1939 etwa 95 000 Zettel aus freien Sammlungen ein.
Zeitgleich betrieb Janßen auch die Einbindung zweier weiterer Quellengruppen in das Datenmaterial für das Niedersächsische Wörterbuch: bereits gedruckte Orts- und Regionalwörterbücher sowie jene „Bücher, Zeitschriften und Zeitungen“, die der zur Mitarbeit bereite Laie zu Hause habe oder an die er ohne Schwierigkeiten herankomme. – Die sich daraus ergebenden Probleme eines nicht klar abgegrenzten Quellenkanons liegen auf der Hand. Die trotz Anweisung für die Exzerption durchweg schlechten Ergebnisse führten schließlich dazu, dass diese Zettel später aussortiert werden mussten.

Neubeginn nach dem Krieg
Im Dezember 1945 wurde die Leitung der Arbeitsstelle Prof. Dr. Wolfgang Jungandreas übertragen. Unter Abkehr von der ursprünglichen Konzeption eines volkskundlich ausgerichteten Wörterbuches begann W. Jungandreas mit den Manuskriptarbeiten, obwohl die wichtigste Voraussetzung dafür – die systematische Ordnung des Quellenmaterials – noch nicht erfolgt war. In der verbliebenen Zeit bis zum Ausbruch des Krieges hatte H. Janßen die eingehenden Fragebogen nurmehr in eine geografische Ordnung bringen und durch Einheften in Aktenordner archivieren können. Ein systematischer Zugriff auf das in den Fragebogen enthaltene Wortmaterial war bei der bestehenden Archiv-Struktur nicht möglich; die Einarbeitung solchen Materiales erfolgte daher eher zufällig und unsystematisch.
Nach Sichtung des vorhandenen Materials wurden von W. Jungandreas zwei weitere Fragebogen entworfen. Mit weit geringerer Resonanz als in den 1930er Jahren wurde 1947 Fragebogen 9 versandt, 1949 erfolgte eine weitere, stichprobenartig durchgeführte Fragebogenerhebung (Fragebogen 10 wurde gezielt 15 ausgewählten Gewährspersonen vorgelegt).
1951 veröffentlichte W. Jungandreas die erste Lieferung des Niedersächsischen Wörterbuches, die zwei Jahre später (1953) nach seinem Ausscheiden mit einem veränderten Vorwort erneut erschien. Das größte Problem des Unternehmens, dass das Archivmaterial im Grunde gar nicht erschlossen war, bestand trotz des überraschend frühen Publikationsbeginnes fort. An dieser Situation änderte sich auch noch nichts, als sich der Altgermanist Prof. Dr. Hans Neumann in der Nachfolge W. Jungandreas’ der Arbeitsstelle annahm. Zwar wurde das Manuskript, das W. Jungandreas bei seinem Weggang aus Göttingen im Umfang von etwa acht Lieferungen hinterlassen hatte, überarbeitet, doch die Ordnung des Archivs wurde nicht in Angriff genommen. Zudem wurden für diese Überarbeitungen – die zunächst auch unter H. Neumanns Nachfolger Heinrich Wesche fortgesetzt wurden – zahlreiche, zudem häufig nur kurzzeitig tätige und nicht genügend qualifizierte Hilfskräfte eingesetzt. Als Bearbeiter für den gesamten ersten Band (1965 fertiggestellt) zeichnet noch Wolfgang Jungandreas.

Strukturierung und Neuordnung des Archivs
Auf den 1954 am Deutschen Seminar der Universität Göttingen geschaffenen Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache und Literatur wurde Prof. Dr. Heinrich Wesche berufen, der zugleich auch die Leitung der Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch übernahm.
Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre konnten dank einer Drittmittelförderung stundenweise beschäftigte studentische Hilfskräfte für Sortier- und Verzettelungsarbeiten sowie nunmehr auch halbtags tätige wissenschaftliche Hilfskräfte für das Schreiben neuer Manuskripte eingesetzt werden. 1956 wurde die Stelle eines Wissenschaftlichen Assistenten geschaffen, der zumindest halbtags die lexikografischen Arbeiten in der Arbeitsstelle verrichtete. Der zweite Assistent in der Funktion, Dr. Gisbert Keseling, hatte diese Stelle ab April 1957 für zwölf Jahre inne, was der Kontinuität der Arbeit sehr zuträglich war.
Nicht zuletzt durch die Überzeugungsarbeit G. Keselings konnte ab Mitte der 1960er Jahre die lange überfällige Ordnung des Archivs begonnen werden. Die Planungsarbeiten für dieses Vorhaben fielen in jene Zeit, in der die Elektronische Datenverarbeitung langsam auch für die Geisteswissenschaften erschlossen wurde.
Als erste dialektlexikographische Unternehmung in der Bundesrepublik machte sich die Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch schließlich die EDV zu Nutze, um die etwa 20 000 Fragebogen zu erschließen. Dazu wurden die Informationen jedes einzelnen Bogens mittels Lochkarten maschinenlesbar gemacht („abgelocht“) und sodann in eine Großrechneranlage eingespeist. Dort wurden aus den eingelesenen Daten unter verschiedenen Kriterien Listen generiert, die die Daten erschließen und in der täglichen Arbeit einen schnellen Zugriff ermöglichen (Wortlisten, Heteronymlisten usw.). Nicht zuletzt auf Grund des Pioniercharakters dieses Unternehmens war zuvor kaum absehbar, dass die Digitalisierung des gesamten Fragebogenarchivs schließlich fast zehn Jahre in Anspruch nahm (ca. 1969 bis 1979).
Zeitgleich mit der Ablochung der Fragebogen erfolgte die manuelle Sortierung der (zuvor nur nach dem ersten Buchstaben grob vorsortierten) rund 800 000 Zettel des Zettelarchivs. Diese Sortierung erfolgte alphabetisch nach einer zuvor auf dem Zettel handschriftlich vermerkten Stichwortform (das Lemma, unter dem der Beleg später einzuarbeiten sein würde).
Nach der Emeritierung H. Wesches im Jahre 1972 wurde eine organisatorische Umstrukturierung vorgenommen. Die Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch gehört seit diesem Jahr nicht mehr zur Abteilung für Niederdeutsche Sprache und Literatur des Deutschen Seminars der Universität sondern zum Institut für Historische Landesforschung. Nach dem Eintreten H. Wesches in den Ruhestand stand bis 1982 ein Wissenschaftlicher Beirat unter dem Vorsitz Prof. Dr. Jan Goossens (Münster) der Arbeitsstelle vor, der die fachwissenschaftliche Verantwortung trug.
1982 übernahm Prof. Dr. Dieter Stellmacher, der 1976 auf den Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache und Literatur berufen worden war (und seit dieser Zeit auch in unmittelbarer wissenschaftlicher Verantwortlichkeit dem Beirat angehörte), die Leitung der Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch.
Die 1980 abgeschlossene Ordnung des Archivs des Niedersächsischen Wörterbuches hatte die eigentliche Arbeit, das Schreiben von Manuskripten für das Wörterbuch zwar (fast) zum Erliegen gebracht (zumal man zeitweise gänzlich ohne Hilfskräfte auskommen musste), ermöglichte von da an aber eine deutlich effektivere lexikografische Arbeit. So konnte 1985 die Publikation des 2. Bandes abgeschlossen und mit der Publikation des 3. Bandes begonnen werden.
Im Frühjahr 1986 konnten erste Erprobungen des Einsatzes von Personal-Computern für das Schreiben der Manuskripte vorgenommen werden, im Dezember 1987 wurden schließlich zunächst zwei PCs für die Manuskriptarbeiten beschafft, 1989 ein weiterer.

Seit 1999/2000 werden die Druckvorlagen für die Wörterbuchlieferungen im Hause erstellt.

Der personelle Höchststand wurde zunächst in den Jahren von 1986 bis in das Frühjahr 1990 erreicht, als in der Arbeitsstelle ein dritter wissenschaftlicher Redakteur beschäftigt war. Seit Juni 2007 sind in der Arbeitsstelle gleichfalls wieder drei hauptamtliche Redakteure tätig.

Öffentlichkeitsarbeit
Seit 1988 suchen die Mitarbeiter der Arbeitsstelle Niedersächsisches Wörterbuch auch außerhalb Göttingens den direkten Kontakt und das Gespräch mit den am Niederdeutschen interessierten Bürgerinnen und Bürgern im Lande, indem in unregelmäßigen Abständen (angestrebt ist alle zwei Jahre) die sog. Wörterbuchtage (Regionaltreffen) durchgeführt werden. Das letzte Regionaltreffen fand im September 2010 in der Stadt Bad Fallingbostel statt.