Kunstwerk des Monats im Juni 2008


01. Juni 2008
"Der Hofstaat Cosimo de Medicis" von Philips Galle, 1583
Vorgestellt von: Prof. Dr. Alfred Enderle und Dr. Gerd Unverfehrt

1583 stach und verlegte Philips Galle in Antwerpen die Geschichte der Familie Medici in 20 Kupferstichen. Die gezeichneten Entwürfe stammen von Johannes Stradanus.

Unser Bild des Monats von Philips Galle ist mit den beiden nach nobler, höfischer Sitte gekleideten Kleinwüchsigen im Gefolge des Herzogs Cosimo I. de Medici ein Indiz für die Blütezeit der europäischen Hofzwergtradition im 15. - 18. Jahrhundert. So haben besonders im Süden Europas die berühmtesten italienischen Hofmaler und - bildhauer an den Fürstenhöfen der Gonzage in Mantua, der Medici in Florenz, der Este in Ferrara, der Farnese in Parma und Piazenza und der Sforza in Mailand Hofzwerge porträtiert und ins höfische Szenario eingebunden. In Spanien war es besonders Diego Vel"zquez am Hof Philipps IV. , der uns eindrucksvolle Gemälde über das Hofzwergentum hinterlaßen hat. Doch bereits aus viel früherer Zeit künden bildliche Darstellungen von Hofzwergen. So aus dem Alten ägypten, wo die kleinen Diener der Pharaonen hohes gesellschaftliches Ansehen erreichten und aus Mittelamerika bei den Maya in der Zeit von 600-900 n. Chr.

Unsere Kenntnis über die Hofzwergtradition rekrutiert somit nicht nur aus schriftlichen überlieferungen, sondern ganz wesentlich aus künstlerischen Hinterlassenschaften in Form von Skulpturen, Gemälden und Graphiken. Sie geben durchaus Einblick in den gesellschaftlichen und psycho- sozialen Status des Hofzwergs mit seinen multifunktionellen Aufgaben, die sich über Jahrtausende kaum geändert haben.

Den Mediziner intereßiert an diesen bildlichen Darstellungen aber noch ein ganz anderer Aspekt: Er ist versucht, die abgebildeten kleinwüchsigen Hofbediensteten zu diagnostizieren, ihrer Krankheit einen Namen zu geben. Dies ist bei unserem heute präsentierten Bild besonders reizvoll, weil die beiden Hofzwerge im Vordergrund eindeutig eine unterschiedliche Gestalt aufweisen. Sie sind beide disproportioniert, d. h. zwischen Kopf, Leib und Gliedmaßen besteht eine Disharmonie, wobei diese wiederum bei beiden von unterschiedlicher Art ist. Der wohlbeleibte Hofzwerg in der Mitte hat bei seinen äußerst kurzen Gliedmaßen einen relativ langen Leib und großen Kopf mit eingezogener Nasenwurzel. Dies sind die Merkmale einer Achondroplasie, der weit häufigsten Form unter den heute bekannten 200 Kleinwuchsarten. Der Hofzwerg rechts von ihm hat hingegen einen sehr kurzen Leib und längere Gliedmaßen, wobei die langen Arme aus einem anderen Blatt dieser Serie eindeutiger hervorgehen. Es handelt sich um die zweithäufigste Kleinwuchsform.

Bei der achondroplastischen Gestalt soll es sich um Morgante, den bekanntesten Hofzwerg der Medici, handeln. Ihn findet man auch auf mehreren Skulpturen und noch drei weiteren Bildern von verschiedenen Künstlern, wobei er bei den Skulpturen meist nackt dargestellt ist. Der Orthopäde Alfred Enderle und der Kunsthistoriker Gerd Unverfehrt haben die bildliche Darstellung von Kleinwüchsigen in mehreren gemeinsamen Publikationen untersucht.