Göttinger Kirchen des Mittelalters
Forschungsprojekt im Rahmen des Programms „Forschungsorientiertes Lehren und Lernen“
Leitung: PD Dr. Jens Reiche, PD Dr. Christian Scholl

Das Forschungs­projekt, das im Rahmen des von der Hoch­schul­didaktik der Uni­versität Göttingen an­gebotenen Pro­gramms „Forschungsorientiertes Lehren und Lernen“ durch­geführt wird, bietet eine längst über­fällige archi­tektur­his­torische Auf­arbeitung der Göttinger Kirchen des Mittel­alters, die sowohl einen präzisen Zu­griff auf die Ob­jekte als auch eine diachrone Dar­stellung der Göttinger Sakral­bau­kunst vom 13.-15. Jahr­hundert leistet.
Mit den Pfarr­kirchen St. Johannis, St. Jacobi, St. Albani, St. Marien und St. Nikolai sowie der Pauliner­kirche ver­fügt Göttingen über einen Be­stand von sechs be­deutenden gotischen Kirchen des 14. und 15. Jahr­hunderts. Die Stadt bietet folg­lich auf engstem Raum die Mög­lich­keit, Ein­blicke in die Ge­stalt und Funktions­weise mittel­alter­licher Sakral­archi­tektur zu ge­winnen. Für eine Stadt dieser Größe ist dies durch­aus be­merkens­wert: Göttingen wird im süd­lichen Nieder­sachsen dies­be­züg­lich nur von Braunschweig über­troffen, das aller­dings im Mittel­alter eine wesent­lich größere Stadt ge­wesen ist.
Umso er­staun­licher ist es, dass eine ver­tiefende kunst­historische Bear­beitung der sechs Bauten bis­lang nicht er­folgt ist. Im Gegen­satz zu den eben­falls über­regional wichtigen Göttinger Altären des Spät­mittel­alters, denen jüngst (2012) eine Publika­tion ge­widmet worden ist, sind die Göttinger Kirchen, ab­gesehen von einem relativ kurzen Arti­kel von 1987 und älteren populär­wissen­schaft­lichen Zu­sammen­stellungen, nie über­greifend wissen­schaft­lich be­ar­beitet worden.
Ziel des Forschungs­projektes ist es, die Bau­geschichte der sechs er­haltenen Kirchen in ihrer relativen und ab­soluten Chronologie zu klären, aber auch Aus­blicke auf die ver­loren­ge­gangenen Bauten zu ver­mitteln. Dabei geht es um die lokale und regionale Ein­bindung dieser Ob­jekte, aber auch um ihre weiter­reichenden Be­züge zur gotischen Archi­tektur. Diese Bau­geschichte wird in ihren his­torischen Zu­sammen­hängen er­schlossen, wobei unter anderem ge­fragt wird, auf welcher Grund­lage es etwa um die Mitte des 14. Jahr­hunderts zu einer regel­rechten Neu- bzw. Um­bau­welle in Göttingen ge­kommen ist. Um das Thema im Rahmen des „Forschungsorientierten Lehrens und Lernens“ be­wältigen zu können, kon­zentriert sich das Vor­haben auf die Archi­tektur und zieht die Aus­stattung nur dann heran, wenn sie Auf­schlüsse auf die Archi­tektur­ge­schichte bietet.
Um die mittel­alter­liche Archi­tektur erfassen zu können, ist aller­dings ein Blick auf die nach­mittel­alter­liche Nutzungs- und Res­taurierungs­ge­schichte er­for­der­lich. Reformations­zeit, Auf­klärung, Historismus und Moderne haben jeweils zu funk­tionalen Über­formungen ge­führt, deren Kennt­nis zur Er­schließung der mittel­alter­lichen Bau­geschichte von grund­legender Be­deutung ist. Als besonders ein­schneidend er­weisen sich dabei die Res­tau­rierungen im späten 19. Jahr­hundert unter Conrad Wilhelm Hase (vor allem an St. Johannis und St. Marien). Indem diese in den Blick ge­nommen werden, er­öffnet sich ein thematischer Neben­schau­platz, der als Bei­trag zur Ge­schichte der Denk­mal­pflege auch eigen­ständiges Interesse be­an­spruchen darf.
Die an­ge­messene wissen­schaft­liche Be­gleitung wird durch die Betreuer bzw. Mentoren gewähr­leistet, die beide bereits durch ein­schlägige Publika­tionen zur mittel­alter­lichen Archi­tektur­ge­schichte hervor­ge­treten sind und sich außer­dem auf­grund einer Reihe von Lehr­ver­an­staltungen auch mit der Göttinger Materie bestens aus­kennen. Die Er­gebnisse werden in eine mit dem Uni­versitäts­verlag Göttingen zu er­ar­beitende Buch­publika­tion ein­fließen. Mit dieser wird sowohl den Fach­leuten als auch dem interessierten Publikum ein Standard­werk zur Ver­fügung ge­stellt werden, wie es zur Archi­tektur der Göttinger Kirchen bislang fehlt.