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Das Forschungsprojekt, das im Rahmen des von der Hochschuldidaktik der Universität Göttingen angebotenen Programms „Forschungsorientiertes Lehren und Lernen“ durchgeführt wird, bietet eine längst überfällige architekturhistorische Aufarbeitung der Göttinger Kirchen des Mittelalters, die sowohl einen präzisen Zugriff auf die Objekte als auch eine diachrone Darstellung der Göttinger Sakralbaukunst vom 13.-15. Jahrhundert leistet.
Mit den Pfarrkirchen St. Johannis, St. Jacobi, St. Albani, St. Marien und St. Nikolai sowie der Paulinerkirche verfügt Göttingen über einen Bestand von sechs bedeutenden gotischen Kirchen des 14. und 15. Jahrhunderts. Die Stadt bietet folglich auf engstem Raum die Möglichkeit, Einblicke in die Gestalt und Funktionsweise mittelalterlicher Sakralarchitektur zu gewinnen. Für eine Stadt dieser Größe ist dies durchaus bemerkenswert: Göttingen wird im südlichen Niedersachsen diesbezüglich nur von Braunschweig übertroffen, das allerdings im Mittelalter eine wesentlich größere Stadt gewesen ist.
Umso erstaunlicher ist es, dass eine vertiefende kunsthistorische Bearbeitung der sechs Bauten bislang nicht erfolgt ist. Im Gegensatz zu den ebenfalls überregional wichtigen Göttinger Altären des Spätmittelalters, denen jüngst (2012) eine Publikation gewidmet worden ist, sind die Göttinger Kirchen, abgesehen von einem relativ kurzen Artikel von 1987 und älteren populärwissenschaftlichen Zusammenstellungen, nie übergreifend wissenschaftlich bearbeitet worden.
Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Baugeschichte der sechs erhaltenen Kirchen in ihrer relativen und absoluten Chronologie zu klären, aber auch Ausblicke auf die verlorengegangenen Bauten zu vermitteln. Dabei geht es um die lokale und regionale Einbindung dieser Objekte, aber auch um ihre weiterreichenden Bezüge zur gotischen Architektur. Diese Baugeschichte wird in ihren historischen Zusammenhängen erschlossen, wobei unter anderem gefragt wird, auf welcher Grundlage es etwa um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu einer regelrechten Neu- bzw. Umbauwelle in Göttingen gekommen ist. Um das Thema im Rahmen des „Forschungsorientierten Lehrens und Lernens“ bewältigen zu können, konzentriert sich das Vorhaben auf die Architektur und zieht die Ausstattung nur dann heran, wenn sie Aufschlüsse auf die Architekturgeschichte bietet.
Um die mittelalterliche Architektur erfassen zu können, ist allerdings ein Blick auf die nachmittelalterliche Nutzungs- und Restaurierungsgeschichte erforderlich. Reformationszeit, Aufklärung, Historismus und Moderne haben jeweils zu funktionalen Überformungen geführt, deren Kenntnis zur Erschließung der mittelalterlichen Baugeschichte von grundlegender Bedeutung ist. Als besonders einschneidend erweisen sich dabei die Restaurierungen im späten 19. Jahrhundert unter Conrad Wilhelm Hase (vor allem an St. Johannis und St. Marien). Indem diese in den Blick genommen werden, eröffnet sich ein thematischer Nebenschauplatz, der als Beitrag zur Geschichte der Denkmalpflege auch eigenständiges Interesse beanspruchen darf.
Die angemessene wissenschaftliche Begleitung wird durch die Betreuer bzw. Mentoren gewährleistet, die beide bereits durch einschlägige Publikationen zur mittelalterlichen Architekturgeschichte hervorgetreten sind und sich außerdem aufgrund einer Reihe von Lehrveranstaltungen auch mit der Göttinger Materie bestens auskennen. Die Ergebnisse werden in eine mit dem Universitätsverlag Göttingen zu erarbeitende Buchpublikation einfließen. Mit dieser wird sowohl den Fachleuten als auch dem interessierten Publikum ein Standardwerk zur Verfügung gestellt werden, wie es zur Architektur der Göttinger Kirchen bislang fehlt.
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