Kolloquium im Sommersemester 2026: Anerkennung? Befähigung? Umverteilung? Sozialpolitik und gesellschaftliche Diversität im Kontext autoritärer Verschiebungen

Mittwoch, 20.05.2026, 12-14 Uhr (online)
Sigrid Leitner (TH Köln):
Mehrfachbetroffenheit am Rande der Gesellschaft: Gedanken zur Vertretung marginalisierter Interessen aus intersektionaler Perspektive
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Donnerstag, 04.06.2026, 14-16 Uhr (hybrid, Raum: OEC 1.165)
Timo Weishaupt (Universität Göttingen):
Wohnungslosigkeit und Diversität: Der Sozialstaat als Problemlöser und zugleich Verursacher intersektionaler Vulnerabilität
Anmeldung per Formular auf der Veranstaltungsseite: Timo Weishaupt

Montag, 15.06.2026, 14-16 Uhr (online)
Matheus Hagedorny (Katholische Hochschule NRW) und Felix Schilk (Universität Tübingen):
Die sozialpolitische Doktrin der Neuen Rechten
Anmeldung per Formular auf der Veranstaltungsseite: Matheus Hagedorny und Felix Schilk

Montag, 22.06.2026, 14-16 Uhr (online)
Jennifer Eckhardt (Sozialforschungsstelle Dortmund/ Technische Universität Dortmund):
Soziale Konstruktionen von Bedürftigkeit und ihre intersektionale Wirksamkeit im Sozialstaat. Überlegungen zum Forschungsdesign einer komparativen Studie
Anmeldung per Formular auf der Veranstaltungsseite: Jennifer Eckhardt

Die Vorträge sind offen für alle sozialwissenschaftlich Interessierten, melden Sie sich bitte über das jeweilige Formular an. Sie erhalten dann die Zugangsdaten zur Veranstaltung (Zoom-Link und/oder Raumangabe) spätestens am Veranstaltungstag per E-Mail.

Netiquette:
Wir legen Wert auf ein respektvolles Miteinander und dulden daher keine Diskriminierungen, Provokationen sowie Beiträge, die andere Teilnehmende persönlich angreifen. Wir ermutigen alle Teilnehmenden, sich gemeinsam mit uns für ein respektvolles und offenes Diskussionsklima einzusetzen. Diskriminierende und/oder herabwürdigende Beiträge werden nicht toleriert und haben den Ausschluss aus der Veranstaltung zur Folge.
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Sozialpolitik lässt sich beschreiben als „Gesamtheit aller Institutionen und Prozesse, die auf die Absicherung sozialer Risiken und die Verringerung von sozialen Problemen sowie von sozialer Ungleichheit gerichtet sind; unabhängig davon, ob dies durch staatliche Maßnahmen, die Zivilgesellschaft, Unternehmen oder private Eigenvorsorge geschieht“ (Heilmann 2024, S. 22). Es geht um soziale Rechte und um Fragen sozialer Gerechtigkeit. Die Geschichte der Sozialpolitik ist u.a. geprägt von Kämpfen um Anerkennung und Teilhabe und um die Frage, wie gesellschaftliche Ressourcen verteilt werden sollen (Reiter 2017).

Dabei ist und war Sozialpolitik untrennbar mit gesellschaftlicher Diversität verbunden. Denn Lebenslagen und Teilhabechancen unterscheiden sich entlang vielfältiger, miteinander verwobener sozialer Kategorisierungen wie Alter, Geschlecht, Migration, sozialer Status, Behinderung (Futter-Buck/Müller 2024). Die Gewährung und Verwirklichung sozialer Rechte ist eng mit Konzeptionen von Zugehörigkeit und mit gesellschaftlichen Normvorstellungen verknüpft. Dies zeigt sich etwa in Konstruktionen von Bedürftigkeit (Eckhardt 2023) oder in der Ausgestaltung des Hilfesystems, das an spezifischen Normen ausgerichtet ist. So haben beispielsweise „wohnungslose Frauen […] andere Bedarfe an das Hilfesystem als Männer“, diese werden jedoch nur unzureichend adressiert (Weishaupt 2025).

Auch bei der Gestaltung von Sozialpolitik zeigen sich Ungleichheiten: So sind u.a. Menschen mit niedrigem Einkommen unterrepräsentiert – sie beteiligen sich weniger politisch und ihre Anliegen werden bei politischen Entscheidungen weniger berücksichtigt (Bremer 2024). Hier spielen Wohlfahrtsverbände eine wichtige Rolle als „anwaltschaftliche Interessenvertretung“ (Leiber/Leitner 2026). Eng damit verknüpft ist die strukturelle Benachteiligung von Migrant*innen bei der politischen Partizipation und Repräsentation – etwa durch die Kopplung voller politischer Rechte an den Staatsbürgerstatus und die Anforderungen beim Zugang zu diesem Status (Conte/Gautam 2026).

Nicht nur, aber insbesondere durch das Erstarken rechtsautoritärer Bewegungen und die zunehmende Normalisierung menschenfeindlicher Positionen (Zick et al. 2025) werden soziale Rechte unterschiedlichster Gruppen infrage gestellt, etwa von Geflüchteten und Menschen mit Behinderung. Rechte Sozialpolitik basiert auf Vorstellungen „exkludierende[r] Solidarität“ (Sorce et al. 2022) und zeigt sich in „neoliberal-autoritären“ bis hin zu „völkisch-nationalsozialen“ Ausprägungen (Hagedorny/Schilk/Kiess 2025, S. 18). Gleichzeitig wird Sozialpolitik als ein Ansatzpunkt im Umgang mit den rechtsautoritären Verschiebungen gesehen, im Sinne von Sozialpolitik als Demokratiepolitik (Paulus/Oostendorp/Gutzmer 2022).

Im Kolloquium wollen wir diese vielfältigen Verknüpfungen zwischen Sozialpolitik und gesellschaftlicher Diversität in den Mittelpunkt stellen und ausgewählte Aspekte genauer betrachten.

Literatur

  • Bremer, Helmut (2024): Soziale und politische Ungleichheit, in: Chehata, Yasmine et al. (Hrsg.): Handbuch kritische politische Bildung, Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag, S. S. 159-167.
  • Conte, Carmine/Gautam, Anoushka (2026): Racial Structural Discrimination and Migrant Voice: Who Gets Heard in European Democracies?, Migration Policy Group, Policy Brief, February 2026, https://www.migpolgroup.com/wp-content/uploads/2026/02/NEI-Policy-brief-Feb-2026-FINAL.pdf
  • Eckhardt, Jennifer (2023): Spannungsfeld Nichtinanspruchnahme: wenn Bedürftige auf den Sozial-staat verzichten, Weinheim: Beltz-Juventa.
  • Futter-Buck, Elena/Müller, Doreen (2024): Diversität und Teilhabe zusammendenken – Impulse für kommunale Akteur*innen, in: Legrand, Philipp/Schulzki, Elisa (Hrsg.): Integration, Beteiligung, De-mokratie. Kommunale Herausforderungen, Perspektiven und Chancen, Hamburg: Maximilian Ver-lag, S. 63-80.
  • Hagedorny, Matheus/Schilk, Felix/Kiess, Johannes (2025): Die sozialpolitische Doktrin der Neuen Rechten. Strategische Vereinnahmung und kalkulierte Provokation, Hans Böckler Stiftung: Working Papier Forschungsförderung Nr. 362, Januar 2025, https://www.boeckler.de/fpdf/HBS-009038/p_fofoe_WP_362_2025.pdf
  • Heilmann, Tom (2024): Sozialpolitik und Sozialpolitikforschung in Deutschland: Herausforderungen, Interdisziplinarität, Wissenstransfer, Frankfurt am Main: Campus.
    Leiber, Simone/Leitner, Sigrid (2026): Wohlfahrtsverbände als politische Akteure: Drei Empfehlungen, in: sozialpolitikblog, 29.01.2026, https://difis.org/blog/wohlfahrtsverbaende-als-politische-akteure-drei-empfehlungen-188
  • Paulus, Andrea/Oostendorp, Anna/Gutzmer, Johann (2022): Sozialpolitik ist Demokratiepolitik: Die Rolle der sozialen Sicherung für politische Partizipation, Policy Paper #02, https://zentrum-neue-sozialpolitik.org/publikation/sozialpolitik-ist-demokratiepolitik-2/
  • Reiter, Renate (2017): Sozialpolitik in Deutschland: Genese und Entwicklungsetappen bis Mitte der 1970er Jahre, in: dies (Hrsg.): Sozialpolitik aus politikfeldanalytischer Perspektive. Eine Einführung, Wiesbaden: Springer VS, S. 85-119.
  • Riebe, Jan (2024). „Ideologieprojekt Inklusion“: Positionierungen der AfD zu Inklusion als Ausdruck ihres rechtsextremen Weltbildes. In: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (Hg.). Wissen schafft Demokratie. Schwerpunkt Behindernde Gesellschaft, Band 15. Jena, 30-45.
  • Sorce, Giuliana/Rhein, Philipp/Lehnert, Daniel/Kaphegyi, Tobias (Hrsg.) (2022): Exkludierende Soli-darität der Rechten, Wiesbaden: Springer VS.
  • Weishaupt, Timo J. (2025): Weiblich, wohnungslos, schutzlos? Eine kritische Perspektive auf die sozialstaatliche Absicherung von Frauen in Wohnungslosigkeit, Zeitschrift für Sozialreform, 2025, Band 70, Heft 3, https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/zsr-2024-0028/html?srsltid=AfmBOorm4zPfq5WJoA3Ul84L07xyCoiRU5a8CFecdgi5_zocSwnRBuzD
  • Zick, Andreas/Küpper, Beate/Mokros, Nico (Hrsg.) (2025): Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25, Bonn: Dietz.