(Un)sichtbare Lebensgeschichten - Dokumentation des Lebens, der Kultur und der Sprache älterer tauber Menschen (Pro*Niedersachsen)



PIs: Annika Herrmann (Hamburg) und Markus Steinbach (Göttingen)
AIs: Jens Heßmann, Jürgen Wolf (Magdeburg-Stendal) und Christian Rathmann (Berlin)

Dieses Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das umfangreiche sprachliche und kulturelle Erbe älterer gehörloser bzw. tauber Menschen in Deutschland mithilfe ausgewählter Interviews tauber Menschen in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt systematisch zu dokumentieren, langfristig zu sichern, auszuwerten und für die wissenschaftliche und gesellschaftliche Nutzung zugänglich zu machen. Eine systematische Erhebung, digitale Archivierung, Annotation und wissenschaftliche Auswertung der Lebensgeschichten älterer tauber Menschen ist aus historischer, sozialwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher und linguistischer Perspektive dringend erforderlich. Nur so können wir die Kultur und Sprache dieser besonderen Minderheit in unserer Region langfristig dokumentieren und besser verstehen. Die individuellen Lebensgeschichten dieser Menschen würden mit ihrem Tode unwiderruflich erlöschen und die Kultur und Sprache einer ganzen Generation gingen für unser kulturelles Gedächtnis für immer verloren. In diesem Projekt sollen 16 taube Menschen ab 70 Jahren in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt mittels leitfadengestützter Interviews zu unterschiedlichen biographisch relevanten Aspekten befragt werden. Insbesondere die historisch relevante Ost-West-Thematik, die Unterschiede in geschlechterspezifischen Lebensgeschichten und die konfliktgeladene soziale Situation einer sprachlichen Minderheit zeigen den einmaligen Wert der Lebensgeschichten tauber Menschen.

Das experimentelle Gebärdensprachlabor der Georg-August-Universität Göttingen bietet die Expertise sowohl für eine systematische Datenerhebung als auch eine professionelle Auswertung der Ergebnisse auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau. Die erhobenen Daten werden zum einen hinsichtlich sprachlicher Indikatoren ausgewertet, die Aufschluss über grammatische und pragmatische Strukturen, Prozesse des Sprachwandels, Grammatikalisierung und der Sprachvariation geben. Inhaltsanalytisch zielt die Auswertung zum anderen darauf, lebensgeschichtliche Erfahrungen zu erfassen, die erkennbar werden lassen, wie historische Prozesse und soziale und kulturelle Gegebenheiten von Angehörigen der Gehörlosengemeinschaft wahrgenommen und im biographischen Verlauf verarbeitet werden.

Die Lebensgeschichten in einer bedrohten Minderheitensprache bieten einen unschätzbaren Fundus für weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen in den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie den Sprach- und Geschichtswissenschaften. Ausgewählte Beispiele gebärdensprachlicher Lebensgeschichten sollen durch die Veröffentlichung auf einer dreisprachigen barrierefreien Internetplattform und in einer Wanderausstellung auch für die Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.