Musikinstrumentensammlung
Die Musikinstrumentensammlung der Universität Göttingen geht auf die Initiative Heinrich Husmanns zurück: Durch die Zusammenarbeit mit Günther Spannaus (Völkerkunde) und ein gemeinsames Seminar im Wintersemester 1962/63 („Probleme der Musikethnologie, musikwissenschaftlich und völkerkundlich betrachtet“) entstand 1964 durch Leihgabe und anschließenden Ankauf der Privatsammlung Hermann Johannes Moecks (Celle) ein zentraler Bestand. Von Beginn an war die Musikinstrumentensammlung eng mit der Ethnologischen Sammlung und deren Objekt- und Wissensregimen verzahnt. Als vergleichsweise junge Universitätssammlung wurde sie zwar nicht in der Frühphase kolonialer Erwerbungen gegründet; ihre Wissensordnung steht jedoch in direktem Verhältnis zur kolonialen Moderne des universitären Sammelns, insbesondere dort, wo Terminologien, Klassifikationen und geografische Zuschreibungen koloniale Hierarchisierungen reproduzieren. ‚Musik und Rasse‘ bildete hier das immanente Motiv des Sammelns und Ordnens. Diese Kolonialität des Wissens wirkt in der Sammlungsinfrastruktur fort. Formeln wie ‚Musikinstrumente aus aller Welt und Zeiten‘ stabilisieren den hegemonialen Universalismus: Europäische Kunstmusik um 1900 fungiert als Maßstab, während ‚außereuropäische‘ Objekte als ‚exotisch‘, ‚primitiv‘ oder ‚ursprünglich‘ gerahmt werden. Die Göttinger Musikinstrumentensammlung ist damit auch ein exemplarischer Ort epistemischer Gewalt, der wissenschaftliche Selbstreflexion nicht nur einlädt, sondern auch einfordert.
Die Kulturelle Musikwissenschaft (Lehrstuhl Prof. Dr. Birgit Abels) und die Digitale und Materielle Musikwissenschaft (Jun.-Prof. Dr. Ryoto Akiyama) adressieren diese Problemlage mit dekolonialisierenden Ansätzen und wissenschaftshistorischer Reflexion. In Lehre und Qualifikationsbetreuung ist die Auseinandersetzung mit kolonialen Denkmustern strukturell verankert. In der Musikinstrumentensammlung wird dies im Seminar »Grundlagen der Organologie« (seit WS 2023/24) offenbar: Studierende untersuchen Erwerbskontexte und Objektbiografien und reflektieren die Bedingungen ihrer Wissensproduktion.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der „Open Collection“ über digitale Plattformen nach FAIR- und CARE-Prinzipien. Datenkuratierung wird als ein dekolonialer Prüfstein verstanden, weil Normdaten, Vokabulare und algorithmische Verarbeitung sowie KI-Tools koloniale Wissensordnungen stabilisieren und verstärken können. Das Modul »Digitale und Materielle Musikwissenschaft« (ab SoSe 2025) macht dies zum Lerngegenstand. Dabei geht es nicht allein um die Aufarbeitung ‚einer‘ Vergangenheit des nordatlantischen Akademismus, sondern um die Kontinuitäten globaler kolonialer Modernität bis in die Gegenwart. Entsprechend werden Eigentums- und Zugehörigkeitsfragen auch in ihren aktuellen geo- und kulturpolitischen Konflikten sensibel behandelt.
Die laufende Nachprüfung des Moeckschen Bestands betrifft die Tatsache, dass in den Handelswegen auch nach dem 2. Weltkrieg unrechtmäßig erworbene Kulturgüter zirkulierten. Dringlicher noch ist jedoch die Aufarbeitung musikwissenschaftlicher Denkmuster. Die konsequente Umgestaltung der Sammlungspraxis steht unmittelbar bevor.
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