Predigt als Vorgang religiöser Bildung im spätantiken Christentum

Predigten waren im spätantiken Christentum (und darüber hinaus) das meistverbreitete Mittel der Kommunikation über Glauben und Leben. Sie waren damit ein wichtiger Ort der Vermittlung christlicher Bildung – und zugleich deren Anwendungsfall, denn öffentliche Rede wollte fachgerecht gestaltet sein, und dieser Anforderung mussten sich Bischöfe und Priester stellen, wenn sie sonn-, werk- oder feiertags zu ihrer Gemeinde sprachen. Die sermones ad populum sind eine hervorragende Quelle für die kommunikative Aushandlung von Idealen christlichen Glaubens und Lebens, d.h. für religiöses Bildungshandeln im Vollzug.
Predigten sind unter dem Bildungsaspekt bisher nicht systematisch in den Blick genommen worden. Wie religiöse Kommunikation praktisch gestaltet und theoretisch reflektiert wurde und in welcher Weise Bildung dabei im Spiel war, wird das Projekt auf der Mikro- und Makroebene anhand spätantiker lateinischer Predigten untersuchen. Gefragt wird, inwieweit dabei

a)Bildung in Anspruch genommen, d.h. rhetorisch gestaltet wurde (formaler Aspekt),
b)im Vollzug zugleich Bildung vermittelt wurde (materialer Aspekt) und
c)dieser Vorgang im Blick auf Form, Inhalt und Akteure reflektiert wurde (didaktischer Aspekt).

Im Mittelpunkt stehen Predigten der Bischöfe Petrus Chrysologus von Ravenna († 458) und Caesarius von Arles († 542) – Textzeugnisse aus zwei Metropolen jener turbulenten Zeit der Konsolidierung des Christentums und der Desintegration des Imperium Romanum, die jeweils in einem Projektteil als Corpora und im Detail unter die Lupe genommen werden. Flankierend werden De doctrina christiana Augustins († 430) und die Regula pastoralis Gregors d. Gr. († 604) als Theorien homiletischer Praxis einbezogen und daraufhin befragt, inwieweit hier Praxis normiert oder reflektiert wird. Ziele und Modi der Vermittlung von christlicher Bildung in der Spätantike werden also anhand von Tiefenbohrungen und zeitgenössischen Reflexionen erschlossen, um weiterführende Impulse für die Erforschung von Bildung als Mittel der Stabilisierung und Dynamisierung christlicher Identität in einer Übergangszeit zu generieren.

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für drei Jahre (01.10.2020–30.09.2023) gefördert. Es baut auf der Arbeit des SFB 1136 „Bildung und Religion“ (2015–2020) an der Universität Göttingen auf. Die Projektteile werden von Lina Hantel (Petrus Chrysologus) und Nicolas Anders (Caesarius von Arles) bearbeitet, als weitere Mitarbeiterin ist Dorothee Schenk (Monastische Bildung im spätantiken Gallien) involviert. Die Projektleitung liegt bei Prof. Dr. Peter Gemeinhardt.

Aus dem Projekt hervorgegangene Publikationen:

  • Gemeinhardt, Peter (im Druck), Die Rhetorik in der Predigt der Alten Kirche, in: Michael Meyer-Blanck (Hg.), Handbuch Rhetorik und Predigt – Homiletische Rhetorik, Berlin / Boston.

  • Vorbereitende Publikationen des Projektleiters:
  • Gemeinhardt, Peter (2020), Teaching the Faith in Early Christianity. Divine and Human Agency: VigChr 74, 129–164.
  • Gemeinhardt, Peter (2019), Bildung in der Vormoderne – zwischen Norm und Praxis: Ders. (Hg.), Was ist Bildung in der Vormoderne? (SERAPHIM 4), Tübingen, 3–38.
  • Gemeinhardt, Peter (2018), Men of Letters or Fishermen? The Education of Bishops and Clerics in Late Antiquity: Id. / Olga Lorgeoux / Maria Munkholt Christensen (eds.), Teachers in Late Antique Christianity (SERAPHIM 3), Tübingen, 32–55.
  • Gemeinhardt, Peter (2016), Christian Hagiography and the Rhetorical Tradition: Victricius of Rouen, In Praise of the Saints: Id. / Lieve Van Hoof / Peter Van Nuffelen (eds.), Education and Religion in Late Antique Christianity. Reflections, Social Contexts, and Genres, London / New York, 103–115.
  • Gemeinhardt, Peter (2007), Das lateinische Christentum und die antike pagane Bildung (STAC 41), Tübingen.