Abgeschlossene Projekte


Marlene Becker
Please Mind the Gap: Eine kulturanthropologische Policy-Analyse der Regierung von Klima_flucht
Asyl für Klima_flüchtlinge? Im Zuge des Klimawandels ist nicht nur in der Europäischen Union, sondern auch international eine Debatte über die Rechtsstellung von Klima_flüchtlingen entbrannt, der die Frage zugrunde liegt, welche Fluchtgründe als politisch legitim erachtet werden und welche nicht. Marlene Becker beleuchtet im Rahmen einer kulturanthropologischen Policy-Analyse die Genese der Figur des Klima_flüchtlings, untersucht die Voraussetzungen zur Entstehung politischer Handlungsräume und setzt sich mit der Wissensproduktion im Politikfeld auseinander. Die vorliegende Studie hinterfragt kritisch gängige migrationspolitische Kategorien und hegemonial gewordene Klima_fluchtdiskurse im Kontext des europäischen Grenz- und Migrationsregimes sowie der globalen Klima-Governance. Die Studie zeichnet detailreich nach, wohin sich die Debatte über Klima-Asyl entwickelt hat.

Isabel Dean
Gute ,Bildung für alle‘? Mehrfachdiskriminierung im Übergang zu Berliner Grundschulen
In ihrem Promotionsprojekt untersucht Isabel Dean Aushandlungszonen und Diskriminierungsdynamiken im Übergang zur Grundschule in Berlin. Auch wenn Kita und Grundschulkontext – im Unterschied zum mehrgliedrigen Sekundarschulbereich – gemeinhin als Bildungsabschnitte gelten, in denen alle Kinder gemeinsam, also unabhängig von Herkunft und diverser sozialer und natio-ethno-kulturell codierter Hintergründe zusammen lernen, ereignen sich auch hier an verschiedenen neuralgischen Punkten rassistische und (mehrfach-)diskriminierende Routinen. Isabel Dean greift für die Analyse dieser Verhältnisse auf den Ansatz der biopolitischen Assemblage als einem Kräfte- und Aushandlungsraum (vgl. Pieper/Panagiotidis/Tsianos 2011) zurück. Dieser ermöglicht es, miteinander verknüpfte Diskriminierungsformen auf unterschiedlichen Ebenen zu erfassen und darzustellen. Dabei nimmt sie institutionelle und juridische Anordnungen und Vorgaben ebenso wie diskursive Integrationsforderungen, schulische ,Durchmarktung‘ im Sinne eines New Public Management, vergeschlechtlichte und rassifizierte Logiken des Helfens und dynamische Prozesse der Subjektivierung zwischen hegemonialer Anrufung und dem Begehren nach anderen Verhältnissen in den Blick.

Stephan Dünnwald
The Virtue of Transnational Migration - Remittances, Circular Migration and Return: a Contribution to Development?
Unter dem Titel: „The Virtue of Transnational Migration - Remittances, Circular Migration and Return: a Contribution to Development?“ untersucht Stephan Dünnwald die Einflüsse von Migration, Remittances und Rückkehr auf die Herkunftsgesellschaften in Mali und Kap Verde. Der Fokus der Forschung liegt auf den migrantischen Strategien im Umgang mit schwierigen Situationen und hohen Erwartungen. In Mali wie auch in Kap Verde ist der Erfolg eines Migrationsprojektes zentral für das Prestige und die Ehre von Migrant_innen wie auch der Familie. Wie gehen Migrant_innen mit gescheiterten Projekten um, wie ist der Empfang von Abgeschobenen durch die Familie? Wer trägt die Risiken im Migration & Entwicklungs-Nexus?

Miriam Gutekunst
Grenzüberschreitungen. Migration, Heirat und staatliche Regulierung im Europäischen Grenzregime. Eine Ethnographie
Nach Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen Ehe und Familie unter dem Schutz durch Gesellschaft und Staat. Im Kontext des europäischen Grenzregime haben deshalb Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ grundsätzlich das Recht, in den Schengenraum einzureisen, wenn sie mit einer StaatsbürgerIn der Europäischen Union verheiratet sind. Gleichzeitig wird versucht auch diesen Weg nach Europa zu steuern und zu kontrollieren. So wurden unterschiedliche Regularien und Kontrolltechniken eingeführt, mit denen Personen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ konfrontiert sind, wenn sie über das „Ehegattennachzugsverfahren“ in die EU einreisen möchten. Miriam Gutekunst analysiert in ihrer Dissertation „Migration durch Heirat“ am Beispiel Marokko/Deutschland und geht der Frage nach, wie und warum verschiedene Akteure, Institutionen, Diskurse und Praktiken diese Migrationsform regieren.

Sulamith Hamra
Projekt ‚Integration‘. Berliner Stadtteilmütterprojekte als Aushandlungsraum städtischer Integrationspolitik
Integration ist ein umkämpftes und von vielfältigen Rassismen geprägtes Thema. Dies zeigt sich sowohl in gesellschaftlichen Debatten als auch in der Umsetzung politischer Maßnahmen. In ihrer ethnografischen Fallstudie untersucht Sulamith Hamra die komplexen Dimensionen städtischer Integrationspolitik am konkreten Beispiel von vier sogenannten Stadtteilmütterprojekten in Berlin. Im Fokus der Beobachtung liegen Aushandlungsprozesse um die praktische Realisierung dieser Projekte und deren integrationspolitische und repräsentative Bedeutung. Berliner Stadtteilmütterprojekte und ihre Umsetzungen werden über mehr als zehn Jahre beobachtet und in ihren Logiken und Widersprüchlichkeiten sichtbar gemacht. Die Problematiken fehlender Arbeitsmarktzugänge und die Rolle politischer und medialer Darstellungen von integrationspolitischen Maßnahmen in Deutschland werden dabei in ihrer interaktiven Verschränkung deutlich.

Birgit Niess
Lampedusa in Hamburg – Wie ein Protest die Stadt bewegte. Eine Ethnografie
Lampedusa in Hamburg: Im Mai 2013 gingen über 300 Migrant_innen auf Hamburgs Straßen, um ihre Rechte einzufordern und ihre zwangsweise Rückführung nach Italien zu verhindern. Ihr Protest versetzte die Stadt, ihre Bürger_innen, ihre Debatten und Grenzen in Bewegung. Die Protestierenden machten die europäische Migrationspolitik und ihr Scheitern sichtbar und stellten bestehende Konzepte von Bürgerschaft grundsätzlich infrage. Vor allem aber überraschten sie durch ihr Handeln als Bürger_innen Europas – ein Handeln, das in gängigen Bildern von leidenden, an den Rand gedrängten Migrant_innen nicht vorgesehen ist. Birgit Niess begleitet in dieser Ethnografie den Alltag der beginnenden Protestbewegung und stellt dabei immer wieder die Perspektive der Lampedusa in Hamburg-Mitglieder in den Vordergrund. Wie sah ihr Alltag in der Warteschleife aus? Welche Bündnisse und welche Brüche entstanden dort, wo sich die Protestbewegung und zivilgesellschaftliche Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften begegneten? Wie wurden hier Rechte verhandelt? Mit vielen Alltagserlebnissen, Begegnungen und Originaltönen zeichnet sie ein vielschichtiges, widersprüchliches Bild einer gleichermaßen dynamischen und brüchigen Bewegung, die sich eher mit Fragen als mit Antworten greifen lässt.

Simona Pagano
„Nomadin-Sein“ im „Dorf der Solidarität“. Eine kritische Ethnografie zu Camps für Rom_nja in Rom
Simona Pagano hat sich in ihrer Dissertation mit institutionell eingerichteten Camps für Rom_nja und Sint_izze in Rom beschäftigt. Bei diesen Camps handelt es sich um segregierende und marginalisierende Orte, die die Teilhabechancen der Bewohner_innen stark beschneiden. In ihrer Ethnografie begleitet Simona Pagano Bewohner_innen dieser Camps in ihrem Alltag und arbeitet mit einem intersektionalen Ansatz heraus, wie sich Machtverhältnisse wie Rassismus, Sexismus und Klassismus verdichten und auf das Leben dieser Frauen einwirken. Weiterhin untersucht Simona Pagano, wie der Raum des Camps durch ebendiese Machtverhältnisse geformt wird und seinerseits auf Subjektivierungsprozesse einwirkt. Kritische Rassismusforschung, feministische (und) postkoloniale Theorien und Ansätze sowie die ethnografische Regimeanalyse sind die wichtigsten theoretischen und methodischen Zugänge der Dissertation.

Lisa Riedner
Arbeit! Wohnen! Urbane Auseinandersetzungen um EU-Migration – Eine Untersuchung zwischen Wissenschaft und Aktivismus
EU-Migrant*innen treten gegen Lohnbetrug ein, protestieren gegen Polizeirepression, fordern das Recht auf ein Existenzminimum und auf Wohnraum. Arbeit! Wohnen! geht von diesen urbanen Konflikten (2009-2014) aus und untersucht, wie EU-Migration in München regiert wird. Unter den Bedingungen der EU-Freizügigkeit wird der Zwang zur Arbeit immer weiter radikalisiert. Auch bundespolitische und EU-europäische Prozesse spielen dabei eine Rolle. In Zeiten von Nationalprotektionismus und neuem Rassismus, Sozialabbau und der Prekarisierung von Arbeit gibt das Buch von Lisa Riedner Anstöße für eine transnationale politische Praxis in Wissenschaft und Aktivismus. Mit „Konflikt als Methode“ stellt es eine eigene Spielart intervenierender Forschung vor und ist theoriepolitisch als Versuch einzuordnen, die soziale Frage in transnationalen Verhältnissen zu stellen sowie Kämpfe der Migration in kapitalistischen Verhältnissen zu kontextualisieren.

Mathias Rodatz
Neue urbane Ordnungen der Migration. Staatsrassismus in der neoliberalen ›Stadt der Vielfalt‹
Mathias Rodatz untersucht aktuelle migrationsbezogene Strategien deutscher Städte am Beispiel von Frankfurt am Main. Entsprechende Politiken verlassen die engen Bahnen integrations- und ausländerpolitischer Interventionen und fokussieren die „Vielfalt“ städtischer Bevölkerungen mit potentialorientierten Integrationskonzepten. Das Projekt untersucht aus einer gouvernementalitäts-analytischen Perspektive und im Rückgriff auf Konzepte der Actor-Network Theory, welche Formen politischer Interventionen dabei denkbar gemacht werden und welche konkreten Effekte daran anschließende Praktiken in verschiedenen Stadtteilen hervorbringen.

Susanne Schmelter
Humanitäres Regieren und die Flucht aus Syrien. Ethnographische Untersuchungen zum Migrations- und Grenzregime im Libanon
Diese kumulative Dissertation von Susanne Schmelter untersucht aktuelle Entwicklungen im Umgang mit dem Fluchtgeschehen aus Syrien und legt dabei den Fokus auf die Rolle von Humanitarismus im Migrations- und Grenzregime. Hierbei erforscht sie insbesondere zwei bisher in der Humanitarismus-Literatur wenig erkundete Felder: die Rolle nicht-westlicher Akteure im humanitären Regime und migrantische Positionen in Bezug zur „humanitären Grenze“ (Walters 2011). Aufbauend auf ausgiebigen ethnographischen Forschungen im Zeitraum von 2013 bis 2018 ist die Dissertation als Mehrebenen-Analyse angelegt. Zwischen den Rahmenteilen von Einleitung und Zusammenfassung bewegen sich die sechs überwiegend fachbegutachteten Artikel des Hauptteils von der Makroebene über die Mesoebene hin zur Mikroebene, nämlich vom regionalen Vergleich des Umgangs mit den Syrien-Flüchtlingen über die nationale Ebene der im Libanon tätigen humanitären Organisationen (mit Schwerpunkt auf islamischem bzw. Golf-finanziertem humanitärem Engagement) hin zu Lebensrealitäten von Geflüchteten und ihren Berührungspunkten mit „humanitärem Regieren“ (Fassin 2007). (mehr...)

Die vergleichenden Analysen zur Situation syrischer Flüchtlinge in den Hauptaufnahmeländern der Region stützen sich in erster Linie auf Dokumentenanalyse und graue Literatur bis Mitte 2016. Sie beleuchten den regionalpolitischen Kontext sowie Governance-Strukturen und geben so einen Überblick zu länderspezifischen Regularien in den Aufnahmeländern Türkei, Libanon und Jordanien. Sie stellen Registrierungstrends und Einreisepolitik dar, gehen auf Unterbringungs- und Versorgungssituationen ein und diskutieren Bleibe- und Integrationsperspektiven. Der regionale Vergleich verdeutlicht, wie politische Zielsetzungen und die unterschiedlich ausgestaltete Staatlichkeit in der Türkei, in Jordanien und im Libanon die Verantwortungsübernahme für die Geflüchteten sowie das Verhältnis zu UNHCR und dem Wirken humanitärer Organisationen insgesamt prägen. Während die Türkei und Jordanien - auf je eigene Art und Weise - deutliche Regularien für UN- und nichtstaatliche Organisationen formulieren, sticht der Libanon durch seine ausgeprägte Laissez-faire-Politik gegenüber dem massiv anwachsenden humanitären Sektor hervor. Hinzu kommen das Verbot der Errichtung offizieller Flüchtlingslager und die Informalität der Flüchtlingsaufnahme, was die Aktivierung der vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verbindungen zwischen syrischer und libanesischer Gesellschaft begünstigt.
Ein ethnographisches Mapping zu den unterschiedlich positionierten humanitären Akteuren im Libanon - basierend auf Interviews mit Vertretern von UN-Institutionen, internationalen NGOs, lokalen säkularen NGOs, islamischen Verbänden, syrischen Aktivisten und Initiativen im Jahr 2014 - verdeutlicht, dass die UNHCR-geleiteten Koordinationsbemühungen bei weitem nicht alle Akteure des humanitären Feldes einbeziehen. So beklagten lokale Organisationen und Aktivisten etwa die mangelnde Einbindung und Anerkennung ihrer Expertise und auch islamisch geprägte Verbände bemängelten unzureichende Koordination, hatten durch Gelder aus dem Golf jedoch genügend Mittel, um unabhängig von UNHCR Projekte durchzuführen und eigene Koordinationsstrukturen aufzubauen.
Die vertiefende Forschung zu Ansätzen und Organisationsstrukturen von islamischem bzw. Golf-finanziertem humanitärem Engagement nimmt insbesondere die Dachverbände URDA und I’tilaf in den Blick. Die Analyse des empirischen Materials, welches 20 semi-strukturierte Interviews mit Vertretern der Dachverbände und ihrer Mitgliedsorganisationen, Feldbesuche im Norden des Libanon und der Bekaa-Ebene sowie Dokumentenanalysen in den Jahren 2014 und 2016 umfasst, lässt Ambivalenzen des überwiegend Golf-finanzierten humanitären Engagements hervortreten. Beispielsweise brachten Interviewpartner wiederholt der Wunsch nach besserer Koordination mit dem UN-geführten System zum Ausdruck, äußerten gleichzeitig aber auch deutliche Kritik an diesem System. Demgegenüber betonten sie die Vorteile der eigenen Vorgehensweisen - wie etwa geringere Verwaltungskosten, schnelleres und unbürokratischeres Handeln, Nähe zu den Lebenswirklichkeiten der Betroffenen sowie die Anerkennung und Einbeziehung religiöser und sozialer Werte in die Arbeit vor Ort. Ein wenig ausgeprägtes Berichtwesen, mangelnde Transparenz und die Prävalenz von ad hoc-Leistungen behindern jedoch auch langfristige Planbarkeit und Kooperation. Die Forschung beleuchtet Chancen und operationelle wie auch diskursive Hindernisse für multilaterales Handeln in Libanons humanitärem Feld und reflektiert sie im Kontext globaler Trends und Debatten zur Zusammenarbeit von „emerging donors“ und dem UN-System.
Fragen nach Möglichkeiten die Region zu verlassen, schienen im Libanon insbesondere 2014 und 2015 omnipräsent. Die Analyse migrantischer Perspektiven auf die humanitäre Grenze gründet somit auf ausgedehnten Phasen (teilnehmender) Beobachtung und zahlreichen Diskussionen und Gesprächen (bis 2018). Damit werden im Nexus von migration struggles (Casas-Cortes et al. 2015) und humanitärem Regieren Wirkungsmomente der humanitären Grenze untersucht: Etwa wenn beim Engagement syrischer Aktivisten in Libanons humanitärem Feld die anti-politics (Ferguson 1994) des NGO-Bereichs und die Hierarchien der politics of life (mit ihren Unterscheidungen von „lives to be risked and lives to saved“) (Fassin 2007) hervortreten; wenn bei sogenannten humanitären Aufnahmeprogrammen Vulnerabilitätskriterien die Ausreisemöglichkeiten bestimmen und somit zu einer Dichotomie von compassion versus rights (Fassin 2010/Ticktin 2011) beitragen; wenn irreguläre Migration Richtung Europa in Anlehnung an das Konzept der non-movements (Bayat 2010) zwar als eine Forderung nach Menschenrechten verstanden werden kann, dabei jedoch auch auf dem Weg oder im Zielland humanitären Dispositiven ausgesetzt ist; und wenn die Fragmentierung sozialer Strukturen (auch) bei den im Libanon Gebliebenen soziale und politische Narrative untergräbt, und die prekären Lebensbedingungen Abhängigkeiten von humanitären Leistungen verschärfen. So zeigt die bei den migration struggles ansetzende Analyse, dass die Willkür humanitären Regierens nicht auf Institutionen oder Lager beschränkt ist, sondern Alltagssituationen des sozialen Lebens durchdringt und zur Entstehung von Zonen beiträgt, in denen Menschenrechte keine Selbstverständlichkeit sind, sondern Gegenstand täglicher Auseinandersetzungen.


Nina Schwarz
EU-Borders of Integration in Morocco. Eine Ethnographie zum humanitären Regieren außerhalb Europas
Die Untersuchung bilateraler Integrationsprojekte Deutschlands und Marokkos vor dem Hintergrund einer nationalen marokkanischen Migrationsstrategie in progress sowie der steigenden EU-Mittelvergabe für Integrationsprojekte in dem nordafrikanischen Land soll neue Einblicke in das – bisher vor allem innerhalb Europas viel diskutierte Konzept der Integration generieren. Es wird im außereuropäischen Kontext herausgestellt, wie Integration als Machttechnologie eingesetzt wird und welche Rolle diese im Zuge des Regierens und „Managens“ von Migration spielt. Den migrationspolitischen Ansatz Deutschlands, Integrationsmaßnahmen in Marokko für Migrant*Innen und rückkehrende Marokkaner*Innen in der Praxis zu etablieren begreife ich als ist einen historischen Einsatzpunkt entwicklungspolitisch humanitärer Technik der Europäischen Union, der aktuell parallel in diversen nicht-europäischen Regionen im Rahmen so genannter Fluchtursachenbekämpfung zur Anwendung kommt und unter dem Komplex von Migration&Entwicklung diskutiert wird. Ich untersuche am Beispiel Marokko, wie Integrationsprogramme als Mittel der Machtausübung durch die Bundesregierung eingesetzt werden und welche Praxislogiken des Humanitarismus diesen zugrunde liegen. Dabei geht es mir nicht darum zu untersuchen, wie sich Migrant*Innen in Marokko integrieren oder nicht integrieren. Die Ansätze der deutschen Regierung, (Re-)Integration von Migrant*Innen und rückkehrenden Marokanner*Innen auf kommunaler Ebene in Marokko zu bewerben, verstehe ich als eine emergente Praxis, die sich formiert und in ihrer Ausgestaltung, Aushandlung und Konstitution befindet. Dabei fokussiere ich die Konjunktur der Investitionen in Integration und die Kräfteverhältnisse zwischen Gebern und Ausführenden. Die aufkommenden Integrationsprojekte untersuche ich hinsichtlich ihrer Machteffekte im Regieren von Migration und welche Rolle diese in der Konstitution von Grenze spielen. Unter Hinzunahme vielschichtiger Dynamiken innerhalb des Integrationsdispositivs wird das langsame Einlaufenlassen einer deutsch-marokkanischen Integrationsstrategie in den marokkanischen Staatskorpus konkret herausgestellt werden.

Maria Schwertl
Faktor Migration. Projekte, Diskurse und Subjektivierungen des Hypes um Migration & Entwicklung
In ihrer Doktorarbeit blickt Maria Schwertl aus einer dualen Perspektive auf den Hype: einerseits vollzieht sie seine Genealogien, Trajektorien und Diskurse nach, die sie nicht nur im Entwicklungs- und im Migrationsregime begründet sieht, sondern auch in den NGOisierungsprozessen der 1990er, in einer Veränderung von Arbeitsmärkten und Arbeitsregimen und in einer Wiederentdeckung von Diaspora in den 1990ern. Andererseits untersucht das Dissertationsprojekt von Maria Schwertl die Projekte und Subjektivierungen des Hypes indem sie zwei aktivierenden und zwei Entwicklungsprojekten folgt. Maria Schwertl kommt dabei zu dem Schluss, dass der Hype entgegen der diskursiven Prominenz von Netzwerken und neuen Verbindungen in ihm, neue Grenzen erzeugt beziehungsweise Grenzen reproduziert. Zum Beispiel die zwischen Migrant_innen und Nicht_Migrantinnen (zum selben Schluss kam übrigens Rahel Kunz 2011 in ihrer Analyse des Global Remittances Trends). Ebenso werden Migrant_innen als Bürger ihres Herkunftslandes formiert und so auf ihre Herkunft rückverwiesen. Der Hype bringt zudem eine Professionalisierung und Ökonomisierung von Engagement mit sich, was zu Veränderung der Praxen und Ethiken von Migrant_innen und Organisationen führt.

Ana Troncoso
„Von deutschen Jüdinnen und Juden zu chilenischen Jüdinnen und Juden - Entangled History Perspektive auf Bürgerwerdungsprozesse und Konfliktbewältigung in Chile des 20. und 21. Jahrhunderts“. Ein Film Projekt.
Ana Troncoso untersucht in ihrem Dissertationsprojekt Transferprozesse und Verflechtungen von Rassismen und staatlicher Repression europäischer und lokaler Herkunft in den Bürgerwerdungsprozessen von deutschen Jüdinnen und Juden in Chile. Als Folge des Holocausts sind viele deutsche Jüdinnen und Juden nach Chile emigriert, wo bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige deutsche Gemeinschaft lebte, die sich in den 30er Jahren großenteils mit Deutschland und dem Nationalsozialismus identifizierten. Die Behauptung der deutsch-jüdischen Gemeinschaft in dem neuen Kontext und die verschiedenen Positionierungen der deutschen Juden und deren Nachfahren zu den chilenischen sozial-politischen Umständen werden in dieser Arbeit als Bürgerwerdungsstrategien verstanden und in Bezug auf die strukturellen Bedingungen dieses Prozesses in Deutschland und in Chile betrachtet. Das filmische Projekt verortet sich in den Postkolonialen- und Erinnerungsarbeit- Studien.