Abgeschlossene Projekte aus dem Kreis des Labors

Unter dem Titel: „The Virtue of Transnational Migration - Remittances, Circular Migration and Return: a Contribution to Development?“ untersucht Stephan Dünnwald die Einflüsse von Migration, Remittances und Rückkehr auf die Herkunftsgesellschaften in Mali und Kap Verde. Der Fokus der Forschung liegt auf den migrantischen Strategien im Umgang mit schwierigen Situationen und hohen Erwartungen. In Mali wie auch in Kap Verde ist der Erfolg eines Migrationsprojektes zentral für das Prestige und die Ehre von Migrant_innen wie auch der Familie. Wie gehen Migrant_innen mit gescheiterten Projekten um, wie ist der Empfang von Abgeschobenen durch die Familie? Wer trägt die Risiken im Migration & Entwicklungs-Nexus?

Nach Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen Ehe und Familie unter dem Schutz durch Gesellschaft und Staat. Im Kontext des europäischen Grenzregime haben deshalb Menschen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ grundsätzlich das Recht, in den Schengenraum einzureisen, wenn sie mit einer StaatsbürgerIn der Europäischen Union verheiratet sind. Gleichzeitig wird versucht auch diesen Weg nach Europa zu steuern und zu kontrollieren. So wurden unterschiedliche Regularien und Kontrolltechniken eingeführt, mit denen Personen aus sogenannten „visumspflichtigen Drittstaaten“ konfrontiert sind, wenn sie über das „Ehegattennachzugsverfahren“ in die EU einreisen möchten. Miriam Gutekunst analysiert in ihrer Dissertation „Migration durch Heirat“ am Beispiel Marokko/Deutschland und geht der Frage nach, wie und warum verschiedene Akteure, Institutionen, Diskurse und Praktiken diese Migrationsform regieren.

Projekt ‚Integration‘. Berliner Stadtteilmütterprojekte als Aushandlungsraum städtischer Integrationspolitik
Integration ist ein umkämpftes und von vielfältigen Rassismen geprägtes Thema. Dies zeigt sich sowohl in gesellschaftlichen Debatten als auch in der Umsetzung politischer Maßnahmen. In ihrer ethnografischen Fallstudie untersucht Sulamith Hamra die komplexen Dimensionen städtischer Integrationspolitik am konkreten Beispiel von vier sogenannten Stadtteilmütterprojekten in Berlin. Im Fokus der Beobachtung liegen Aushandlungsprozesse um die praktische Realisierung dieser Projekte und deren integrationspolitische und repräsentative Bedeutung. Berliner Stadtteilmütterprojekte und ihre Umsetzungen werden über mehr als zehn Jahre beobachtet und in ihren Logiken und Widersprüchlichkeiten sichtbar gemacht. Die Problematiken fehlender Arbeitsmarktzugänge und die Rolle politischer und medialer Darstellungen von integrationspolitischen Maßnahmen in Deutschland werden dabei in ihrer interaktiven Verschränkung deutlich.

Lampedusa in Hamburg – Wie ein Protest die Stadt bewegte. Eine Ethnografie
Lampedusa in Hamburg: Im Mai 2013 gingen über 300 Migrant_innen auf Hamburgs Straßen, um ihre Rechte einzufordern und ihre zwangsweise Rückführung nach Italien zu verhindern. Ihr Protest versetzte die Stadt, ihre Bürger_innen, ihre Debatten und Grenzen in Bewegung. Die Protestierenden machten die europäische Migrationspolitik und ihr Scheitern sichtbar und stellten bestehende Konzepte von Bürgerschaft grundsätzlich infrage. Vor allem aber überraschten sie durch ihr Handeln als Bürger_innen Europas – ein Handeln, das in gängigen Bildern von leidenden, an den Rand gedrängten Migrant_innen nicht vorgesehen ist. Birgit Niess begleitet in dieser Ethnografie den Alltag der beginnenden Protestbewegung und stellt dabei immer wieder die Perspektive der Lampedusa in Hamburg-Mitglieder in den Vordergrund. Wie sah ihr Alltag in der Warteschleife aus? Welche Bündnisse und welche Brüche entstanden dort, wo sich die Protestbewegung und zivilgesellschaftliche Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften begegneten? Wie wurden hier Rechte verhandelt? Mit vielen Alltagserlebnissen, Begegnungen und Originaltönen zeichnet sie ein vielschichtiges, widersprüchliches Bild einer gleichermaßen dynamischen und brüchigen Bewegung, die sich eher mit Fragen als mit Antworten greifen lässt.

Simona Pagano untersucht in einer ethnografischen Regimeanalyse vergeschlechtlichte Subjektivierungsweisen in den sog. autorisierten Nomadencamps in Rom. Bei diesen Camps handelt es sich um lagerähnliche Strukturen, die durch verschiedene Vereine gemanagt, durch Video-Kameras und private Sicherheitsservices kontrolliert werden. Die leitende Forschungsfrage ist dabei, inwiefern das Camps als spezifischer Raum und Aspekt eines rassistischen Machtverhältnisses auf die Formierung vergeschlechtlichter Subjektivierungen einwirkt. Bei der Untersuchung soll auf intersektionale und rassismuskritische Forschung eingegangen werden.

Arbeit! Wohnen! Urbane Auseinandersetzungen um EU-Migration – Eine Untersuchung zwischen Wissenschaft und Aktivismus
EU-Migrant*innen treten gegen Lohnbetrug ein, protestieren gegen Polizeirepression, fordern das Recht auf ein Existenzminimum und auf Wohnraum. Arbeit! Wohnen! geht von diesen urbanen Konflikten (2009-2014) aus und untersucht, wie EU-Migration in München regiert wird. Unter den Bedingungen der EU-Freizügigkeit wird der Zwang zur Arbeit immer weiter radikalisiert. Auch bundespolitische und EU-europäische Prozesse spielen dabei eine Rolle. In Zeiten von Nationalprotektionismus und neuem Rassismus, Sozialabbau und der Prekarisierung von Arbeit gibt das Buch von Lisa Riedner Anstöße für eine transnationale politische Praxis in Wissenschaft und Aktivismus. Mit „Konflikt als Methode“ stellt es eine eigene Spielart intervenierender Forschung vor und ist theoriepolitisch als Versuch einzuordnen, die soziale Frage in transnationalen Verhältnissen zu stellen sowie Kämpfe der Migration in kapitalistischen Verhältnissen zu kontextualisieren.

Mathias Rodatz untersucht aktuelle migrationsbezogene Strategien deutscher Städte am Beispiel von Frankfurt am Main. Entsprechende Politiken verlassen die engen Bahnen integrations- und ausländerpolitischer Interventionen und fokussieren die „Vielfalt“ städtischer Bevölkerungen mit potentialorientierten Integrationskonzepten. Das Projekt untersucht aus einer gouvernementalitäts-analytischen Perspektive und im Rückgriff auf Konzepte der Actor-Network Theory, welche Formen politischer Interventionen dabei denkbar gemacht werden und welche konkreten Effekte daran anschließende Praktiken in verschiedenen Stadtteilen hervorbringen.

In ihrer Doktorarbeit blickt Maria Schwertl aus einer dualen Perspektive auf den Hype: einerseits vollzieht sie seine Genealogien, Trajektorien und Diskurse nach, die sie nicht nur im Entwicklungs- und im Migrationsregime begründet sieht, sondern auch in den NGOisierungsprozessen der 1990er, in einer Veränderung von Arbeitsmärkten und Arbeitsregimen und in einer Wiederentdeckung von Diaspora in den 1990ern. Andererseits untersucht das Dissertationsprojekt von Maria Schwertl die Projekte und Subjektivierungen des Hypes indem sie zwei aktivierenden und zwei Entwicklungsprojekten folgt. Maria Schwertl kommt dabei zu dem Schluss, dass der Hype entgegen der diskursiven Prominenz von Netzwerken und neuen Verbindungen in ihm, neue Grenzen erzeugt beziehungsweise Grenzen reproduziert. Zum Beispiel die zwischen Migrant_innen und Nicht_Migrantinnen (zum selben Schluss kam übrigens Rahel Kunz 2011 in ihrer Analyse des Global Remittances Trends). Ebenso werden Migrant_innen als Bürger ihres Herkunftslandes formiert und so auf ihre Herkunft rückverwiesen. Der Hype bringt zudem eine Professionalisierung und Ökonomisierung von Engagement mit sich, was zu Veränderung der Praxen und Ethiken von Migrant_innen und Organisationen führt.