Provenienzforschung in den Sammlungen der Universität
Die Universität Göttingen wurde 1737 im Zeitalter der Aufklärung gegründet. Seitdem durchlief sie verschiedene Phasen der deutschen und europäischen Geschichte, an der sie durch Forschungen, Lehre und Hochschulpolitik auch aktiv mitwirkte. So ist ihre Geschichte auch mit der europäischen Kolonialgeschichte, dem Nationalsozialismus und weiteren Unrechtsgeschehen der deutschen Vergangenheit verbunden. Dies spiegelt sich auch in den Sammlungen der Universität wider. Sie sind materielle Zeugnisse der Göttinger Wissenschaftsgeschichte und damit – zumindest zum Teil – auch Zeugnisse von Unrechtskontexten.
Die Universität Göttingen setzt sich mit diesem materiellen Erbe aktiv auseinander, sowohl in der Lehre, als auch in Forschungsprojekten, öffentlichen Veranstaltungen und auf kulturpolitischer Ebene. Sukzessive werden Sammlungsbestände auf ihre Herkunft und etwaige Unrechtskontexte untersucht. Rückgabeanfragen zu Beständen, die sich unrechtmäßig im Besitz der Universität befinden, steht die Universität offen gegenüber. Sie werden in engem Austausch mit Vertretungsberechtigten der jeweiligen Herkunftsgesellschaften bearbeitet. Erste Ergebnisse und erfolgreiche Aufarbeitungen konnten dabei bereits verzeichnet werden.
Die Zentrale Kustodie ist Kontakt- und Koordinierungsstelle für die wissenschaftlichen Sammlungen der Universität. Über das Sammlungsportal (https://sammlungen.uni-goettingen.de/) können Sammlungsbestände der Universität auch öffentlich durchsucht werden.
KontaktProvenienzforschung zu Human Remains aus kolonialen Kontexten
Seit 2020 werden menschliche Überreste (Human Remains) aus kolonialen Kontexten an der Universität Göttingen erforscht, die in der Vergangenheit in die Anthropologische Sammlung und in das Institut für Anatomie der Universitätsmedizin Göttingen gelangt sind. Initiiert hatte dies die Zentrale Kustodie der Universität. An der Erforschung und Aufarbeitung der Human Remains waren auch Vertreter*innen aus den jeweiligen Herkunftsländern beteiligt. Es gab internationale Workshops, um sich unter anderem über die ethischen, politischen und sammlungspraktischen Umgangsweisen mit Human Remains aus kolonialen Kontexten auszutauschen. Weiteren Repatriierungen steht die Universität Göttingen offen gegenüber.
Weitere InformationenHuman Remains in den Sammlungen
In einigen Sammlungen der Universität und Universitätsmedizin Göttingen befinden sich Human Remains unterschiedlicher Herkünfte und Kontexte, die unter verschiedenen Umständen an die Universität kamen.
Blumenbachsche SchädelsammlungDie Sammlung geht auf den Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zurück. Nach Blumenbachs Tod wurde die Sammlung, welche etwa 245 Gebeine umfasst, von seinen Nachfolgern bis in die 1940er Jahre weitergeführt. Heute befinden sich rund 800 Gebeine in der Sammlung, von denen ca. 200 außereuropäischer Provenienz sind.
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Die Sammlung untergliedert sich in sieben Teilsammlungen: Archäologische Skelettserien, Histologische Präparate der Knochenmikrostruktur, Mumien verschiedener Kulturen, Schädelsammlung weltweiter Populationen, Pathologische Präparate, Primatenschädel und Primatenskelette, Abgusssammlung Hominidenfunde. Teile der Sammlung stammen noch aus der Zeit von Blumenbach, wie z. B. einige Mumien und Körpersteine. In den 1950er Jahren kam eine große Schädelsammlung aus dem ehemaligen Völkerkundemuseum von Hamburg nach Göttingen. Die Sammlung umfasst etwa 1200 Schädel außereuropäischer Herkunft, aber auch ein großes Konvolut von ca. 600 Schädeln, die von „Hamburger Friedhöfen“ stammen sowie zwei kleinere Serien aus zwei Tälern Südtirols sowie wenige postcraniale (Teil)-Skelette.
Zur Sammlung
Die Sammlung von etwa 1.200 Objekten zur Geschichte der Geburtshilfe (Instrumente, Modelle, Präparate etc.) stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die akademischen Lehrer der Geburtshilfe und jeweiligen Leiter des Accouchierhauses in Göttingen – darunter Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) und Eduard von Siebold (1801-1861) – bauten sie als Lehr- und Forschungssammlung auf. Unter den Beständen der Sammlung befinden sich auch Präparate von mindestens 158 menschlichen Körperteilen (Skelette, Schädel(teile) und Becken von Neugeborenen und von Frauen sowie um vereinzelte Knochen und Gewebeteile, die mit den Schädeln und Becken in Verbindung stehen). Sie stammen überwiegend von Todesfällen aus der geburtshilflichen Praxis.
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Weitere Provenienzforschungsprojekte in den Sammlungen der Universität
Ermittlung und Restitution von NS-Raubgut der SUB Göttingen
In großem Umfang wurden während der Zeit des Nationalsozialismus Bücher im Zuge von Beschlagnahmungen und Enteignungen geraubt. Hinzu kamen „erbeutete“ Bücher aus den während des Zweiten Weltkriegs besetzten Gebieten. Ein Teil dieser Bücher findet sich noch heute in den Beständen wissenschaftlicher Bibliotheken, so auch der SUB Göttingen. Um Hinweisen zur Ermittlung und Restitution unrechtmäßig erworbener Literatur nachzugehen, führte die SUB Göttingen von 2009 bis 2011 ein Forschungsprojekt durch, zu dem sich auf den Seiten der SUB detaillierte Informationen finden.
Weitere InformationenÖffentliche Sichtbarkeit und Vermittlung von Provenienzforschung
Das 2022 eröffnete Wissensmuseum im Forum Wissen macht koloniale Verflechtungen in der Göttinger Wissenschaftsgeschichte dauerhaft sichtbar. In der Basisausstellung „Räume des Wissens“ werden an mehreren Stationen Beispiele aus der Kolonialgeschichte der Universität gezeigt.
Außerdem gibt es für Besuchende des Wissensmuseums einen „Audio-Walk“ zum Thema „Wissenschaft und Kolonialismus“.
Mehrere Sonderausstellungen haben bereits unterschiedliche Aspekte des Kolonialismus reflektiert. Das wird sich auch im künftigen Ausstellungsprogramm fortsetzen.
Projekt „Nachgefragt - Provenienzforschung vermitteln“
Auch stadtgeschichtliche Museen widmen sich der Provenienzforschung: So hat in Südniedersachsen Dr. Christian Riemenschneider (Landschaftsverband) von 2016 bis 2021 Provenienzforschung zu unrechtmäßig entzogenen Kulturgütern betrieben. Diese Forschung geht auf die Initiative des Netzwerks „Provenienzforschung Niedersachsen“ zurück.
Im Projekt „Nachgefragt“, einer Kooperation der Zentralen Kustodie der Universität Göttingen mit dem Landschaftsverband Südniedersachsen, ging es darum, mit Passant*innen ins Gespräch über unrechtmäßig erworbene Objekte in Museen zu kommen. In verschiedenen Städten Südniedersachsens wurden dafür Gespräche geführt und Beteiligungsansätze erprobt. Die Ideen und Rückmeldungen der Bürger*innen flossen in die Sonderausstellung „Nachgefragt – Unrecht gesammelt?“ im Forum Wissen ein, die vom 11.12.2025 bis 17.05.2026 zu sehen war. Finanziert wurde das Projekt durch das Förderprogramm Pro Niedersachsen.