An der Professur für Neuere Geschichte Osteuropas werden zur Zeit folgende Projekte bearbeitet:

DFG-Projekt

Leitung:
Prof. Dr. Anke Hilbrenner

Bearbeiter:
Martin Borkowski-Saruhan
Jan Hassink

  • Den Forschungsbegleitenden Projektblog finden Sie hier.

Sport war während des Zweiten Weltkriegs in den von Deutschland besetzten Gebieten ein Mittel zur Durchsetzung einer gewaltsamen Herrschaftspraxis. Er stabilisierte eine fragile soziale Ordnung in Ost- und Westeuropa, die auf militärischer Überlegenheit und einem menschenverachtenden rassistischen Welt- und Menschenbild beruhte. Diese transnational umgesetzten Wertvorstellungen wurden ebenfalls mittels des Sports ideologisch konstruiert und immer wieder neu ausgehandelt. Unter den Bedingungen von materieller Zerstörung, fundamentalem Mangel an Ressourcen, der Etablierung einer rassistisch hierarchisierten Gesellschaft und der Repression bis hin zum Massenmord ermöglichte der Sport für Besatzer und Besetzte eine zum Teil sehnsüchtig erhoffte Normalität. Im Zuschauersport aufzutreten konnte zudem für bessere Versorgung und andere Privilegien inmitten von Hunger und Angst sorgen. Sport beeinflusste den Alltag im Militär und trainierte die Soldaten. Zugleich war er ein Ort für abweichendes Verhalten, für Protest und Subversion. So wirft die Untersuchung sportlicher Praxis ein Schlaglicht auf die Vielstimmigkeit der Erfahrungen in Krieg und Besatzung.

Das Projekt zielt auf die Rekonstruktion des Kriegserlebens jenseits der Kategorien von Kollaboration und Widerstand. Mithilfe des Sports soll die Alltagserfahrung aus der Perspektive aller beteiligten Akteure in den Blick genommen werden. So wird die Besatzung während des Zweiten Weltkriegs als transnationale europäische Erfahrung untersucht und die nach wie vor wirkmächtige Trennung europäischer Kriegsgeschichte in Ost- und Westeuropa überwunden.

Weil das Projekt das Ziel verfolgt, west- und osteuropäische Erfahrungen in ein Forschungsvorhaben zu integrieren, sind die Fallstudien thematisch und transnational in spezifischen Grenzräumen Ost- und Westeuropas angelegt. Die eine Fallstudie bezieht sich auf den deutsch-französischen Grenzraum (Elsass), die andere untersucht den oberschlesischen Fall. Dabei werden mithilfe der Alltags-, der Ideen- und der Neuen Politikgeschichte die besonderen Bedingungen der Besatzung in den transnationalen Grenzräumen ausgeleuchtet. Nicht der nur zu untersuchende historische Raum ist transnational, sondern auch die europäische Erinnerungsgemeinschaft. Deshalb formiert sich die Projektgruppe mithilfe der Mercator-Fellows (aus Polen, Frankreich und Großbritannien) über nationale Grenzen hinweg. Mithilfe von Doktorandenworkshops, sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich und Polen, strahlt die Projektgruppe in die unterschiedlichen nationalen Communities aus und transzendiert solcherart nationale Erinnerungsgemeinschaften gerade mit Bezug auf das wichtige und sensible Thema "Besatzung jenseits von Kollaboration und Widerstand".

English version:

Sport during World War II in the territories occupied by the Germans executed a violent rule of occupation. It stabilized a fragile social order relying on military dominance and a racist world view. Those (im-)moral concepts were constructed by the meaning of sports and mediated by athletes, sport officials, and spectators. Under the circumstances of destruction, fundamental shortage of shelter and supplies, and the establishment of a racist social hierarchy as well as repression and mass murder, sport displayed a pretence of normalcy that was desired by occupants and the occupied alike. Sport thus became an ?agency? (in terms of ?Eigensinn?). To take part in spectator sports could offer better supplies or other privileges within an environment of fear and need. Sport was part of the military drill. On the other hand it opened up scope for deviant behaviour, protest or subversion. Therefore the research of sport sheds light on the multi layered experience during war and occupation.

The project aims at the research of experiences during World War II beyond the division in between collaboration and resistance. We want to reconstruct every day life during the occupation from a multitude of perspectives (beyond the devision in between occupant and the occupied). Occupation is contextualized as a transnational experience. Therefore we want to overcome the devision of European history of World War II in between East and West. The project thus targets at the integration of East and West European experience with war and occupation, therefore the case studies are located in transnational European borderlands: Alsace and Upper Silesia. We will thus research actors and circumstances of sport and occupation, using the methodology of every day history, intellectual history and new political history in transnational environments.

Not only the historical experience of occupation is transnational, but also the memory of war and occupation. Therefore the project team relies on Mercator Fellows from different national backgrounds (Poland, France and Great Britain). Moreover we will organise workshops in Germany, France and Poland in order to transcend national scientific communities (as well as communities of memory) and create new international networks for the research of the complex topic of occupation during World War II beyond collaboration and resistance.


Post-Doc-Projekte
Bearbeiterin:
Kerstin Bischl

Laut Yurij Slezkine ist die Sowjetunion ein Projekt des „jüdischen Jahrhunderts“ gewesen. Sowjetbürger_innen jüdischer Nationalität – wie unter Punkt fünf des Inlandspasses klargestellt wurde – stellten in den ersten Jahren der Sowjetunion einen überdurchschnittlich großen Anteil an Parteimitgliedern und galten als besonders sowjetisiert und assimiliert – insbesondere in den sowjetischen Zentren. Paradoxerweise waren sie es, die in den Nachkriegsdekaden in Scharen die Sowjetunion verließen bzw. danach strebten.

Diese Migrationsbestrebungen werden in der Regel durch Nachwirkungen des deutschen Vernichtungskrieges und die Handlungen der sowjetischen Regierung erklärt: Im Zuge des Holocausts mussten viele jüdische Sowjetbürger_innen nicht nur den Antisemitismus ihrer Nachbar_innen erleben, sondern danach auch den Unwillen der Regierenden, ihr besonderes Leid anzuerkennen. Insbesondere in den „Schwarzen Jahre“ 1948-1953 wurde der jüdische Bevölkerungsteil offen konfrontiert und antwortete mit einem neuen Selbst- und Gruppenbewusstsein. In der Konsequenz entfremdeten sich die sowjetischen Jüdinnen und Juden immer mehr von der Sowjetunion und bekundeten verstärkt ihren Ausreisewillen, der seit den 1970er Jahren umgesetzt werden konnte.

Trotz existierender Literatur ist die Forschung zu den Migrationsbestrebungen der sowjetischen Jüdinnen und Juden noch zu keinem Abschluss gekommen, zumal die jüdischen Gemeinden in der Sowjetunion zu disparat waren, um sie über einen Kamm zu scheren. Was für intellektuelle, sowjetisierte Ashkenazi-Jüdinnen und Juden in den europäischen Gebieten der Sowjetunion gelten mag, gilt nicht automatisch für die Jiddisch- und Farsi-sprechenden Gemeinden im Südkaukasus und Zentralasien. Es fehlen Analysen und Beschreibungen, wann, wie und an welchen (realen und imaginierten) Orten aus diesen versprengten jüdischen Gemeinden eine gemeinsam bzw. aufeinander abgestimmt handelnde Gruppe wurde: Wo kamen ihre Angehörigen zusammen, verständigten sich und wuchsen zusammen. Welche Ereignisse innerhalb und außerhalb der Sowjetunion waren relevant? Welche nicht-sowjetischen Akteure waren involviert. Kurz: Eine Geschichte der Jüdinnen und Juden in der späten Sowjetunion sollte aufzeigen, wie diese zu einer kommunikativen Gemeinschaft wurden, die gemeinsame Bezugspunkte für sich fand, sich vom sowjetischen Imperium ablöste, dessen Grenzen überwand und neue Orte für sich erschloss.

Das Ziel meines Habilitationsprojektes ist es, diese Geschichte zu schreiben. Das Projekt strebt dabei Erkenntnisse über den jüdischen Migrationsprozess an, genauer gesagt über ihre Motivationen und handlungsleitende Vorstellungen. So sind Antworten auf die Frage, warum welche konkreten Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt Migrationsentscheidungen trafen, bislang ein Forschungsdesiderat – insbesondere dann, wenn es sich um Bewohner der sowjetischen Peripherien handelt. Von besonderem Interesse ist zudem die Frage danach, wie die sowjetischen Jüdinnen und Juden ihr Ausreiseziel auswählten, also ihre Weltsicht: Israel als Destination wurde dann unattraktiv, als die USA als Zielort möglich wurden, und letztere wurden solange angesteuert, wie die Reise dorthin nicht mit diplomatischen Mitteln von israelischer Seite aus verhindert werden konnte. Die Aktivitäten verschiedenster, transnational operierender Organisationen vielfach aus den USA, die Kontakte zu jüdischen Sowjetbürger_innen aufbauten, und die Vorgänge in den Auffanglagern in Wien, in denen die Aus- und Weiterreise jüdischer Sowjetbürger_innen organisiert wurde, sind daher ebenso von Bedeutung.

Die wichtigsten Methoden meines Projektes entstammen der Alltagsgeschichte, die auf Ego-Dokumenten als Quellen aufbaut und nach Wahrnehmungsweisen und Aneignungsprozessen von historischen Subjekten fragt. Zudem sollen Ansätze der Raumforschung zur Anwendung kommen und das Nationalismuskonzept von Rogers Brubakers sowie das Imperiumskonzept von Jürgen Osterhammel. Erste hat auf die handlungsleitende Bedeutung von mentalen Landkarten verwiesen, die in Form von Raumvorstellung und Raumpraktiken, also durch Kommunikation, materielle Vorgaben und aktive Handlungen entstehen und sich im Zuge der aufkeimenden Migrationsbestrebungen der sowjetischen Jüdinnen und Juden zweifelsohne verändert haben müssen. Staatliche Grenzziehungen sind dabei nur ein Aspekt von vielen. Im Sinne von Roger Brubakers verstehe ich die Nation als “category of practice” und Nationalität als Produkt kultureller und politischer Institutionalisierung. Beides ist also keine essentielle Eigenschaft von Personen, die Kollektive zusammenhält, sondern eine politische Fiktion, die von nationalistischen Unternehmern geschaffen wird, also im Handeln entsteht. Es war dieses Handeln, dass die jeweiligen Zentrum-Peripherie-Beziehungen, die die jüdischen Gemeinden zum sowjetischen Zentrum im Sinne Jürgen Osterhammels unterhielten, aufbrach, die jüdischen Gemeinden miteinander in Beziehung setzte und schließlich massenweise aus der Sowjetunion emigrieren ließ.

Bearbeiterin:
Katja Wezel

„The Cosmopolitan City. Riga as a Global Port and International Capital of Trade (1861-1939)” – please scroll down for English version

Global port cities bündeln die Herausforderungen, Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten der Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart auf besondere Weise: Wirtschaftlicher Fortschritt und ökologische Bedrohungen, lokale Stadtentwicklung und Globalisierung, Multiethnizität und Migration.
Das Forschungsprojekt „Die kosmopolitische Stadt. Riga als globaler Hafen und internationale Handelsmetropole (1861-1939)“ verfolgt das Ziel, Riga mit Hilfe der Methoden der Digital Humanities als global port city zu verorten und seine weitreichenden Handelsbeziehungen und wirtschaftlichen Verflechtungen zu analysieren. Die Studie untersucht den Beitrag kosmopolitischer Kaufleute und polyglotter Unternehmer bei der Stadtentwicklung und beim Ausbau Rigas zur Metropole. Gleichzeitig nimmt das Projekt die Netzwerke zu Handelspartnern in Großbritannien, Deutschland und Russland, sowie zu staatlichen Institutionen in St. Petersburg, Berlin und Riga in den Blick.

Der gewählte Untersuchungszeitraum 1861-1939 erlaubt einen longue durée Zugriff und die Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Zeitabschnitte: Riga vor dem Ersten Weltkrieg, als multiethnische Handelsmetropole im ausgehenden Zarenreich mit noch immer starker Stellung deutschbaltischer Kaufleute und Unternehmer, und Riga als Hauptstadt im neugegründeten, demokratischen Lettland der Zwischenkriegszeit, in der Letten und Deutsche sich gemeinsam dem Wiederaufbau des Rigaer Hafens und der europäischen und transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen widmeten.

Der Untersuchung liegt die These zugrunde, dass Unternehmer und Kaufleute aufgrund ihrer internationalen Vernetzung auch bzw. gerade in dieser Periode des Nationalismus sogenannte „a-nationale“ Denkmuster vertraten und diese in politische Diskussionen einbrachten. Zumindest bis Anfang der 1930er Jahre kamen nationale Gegensätze in den Bereichen Wirtschaft und Handel weniger stark zum Tragen, da die Spielräume für Schnittmengen und Gemeinsamkeiten größer waren und letztlich alle ein Ziel verfolgten: den Ausbau und die Erhaltung des Rigaer Hafens, auf dessen wirtschaftlichen Erfolg alle angewiesen waren.

Global port cities are a microcosm of the challenges, problems and possibilities of the present, the future and the past: economic progress and ecological threats, local city development and globalization, multi-ethnicity and migration.

The research project „The Cosmopolitan City. Riga as a Global Port and International Capital of Trade (1861-1939)” aims to map Riga as a global port city using historical GIS as a tool to analyze its economic interdependencies and trade networks.

The study examines the contribution of cosmopolitan merchants and polyglot entrepreneurs for the city’s development and its rise as a metropolis. The project also emphasizes networks with trading partners in Great Britain, Germany and Russia, and to state institutions in St. Petersburg, Berlin and Riga.
The relatively long research period 1861 to 1939 allows a longue durée approach and the comparison of two very different time periods: 1) Riga before World War I, a multi-ethnic economic metropolis and major port of the Russian Empire, in which the city’s Baltic Germans dominated both economy and trade; and 2) Riga after World War I as capital of Latvia, an independent nation-state in which Latvians and Germans had to cooperate for the city’s economic revival.

Due to the transnational environment in which they operated and their international networks, entrepreneurs and merchants tended to be cosmopolitan-minded and more “a-national” in their approaches – despite this being a period of strong nationalist sentiments. At least before the 1930s, national differences and inter-ethnic conflicts were less strong in business and trade since everyone had the same goal: The development and preservation of Riga’s port and its economic success.

Bearbeiter:
Björn Michael Felder

Informationen folgen in Kürze.

Promotionsprojekte

Bearbeiter:
Ramona Bechauf

Insbesondere Ausstellungen in Hauptstädten weisen sowohl nationalisierende als auch universalisierende Tendenzen auf; dies wurde in verschiedenen vergleichenden Studien in den letzten Jahren analysiert und bestätig. Dabei wurde der Besucher als Faktor innerhalb der Ausstellungskonzeption bisher nicht oder unzureichend berücksichtigt: Problematisch ist, dass nationale und internationalen Besucher unterschiedliche Bedürfnisse auf Grund ihrer unterschiedlichen Sozialisationen und Gruppengedächtnisse an die Ausstellung herantragen, die diese idealerweise bedienen sollte. In diesem Projekt geht es daher vornehmlich um die Frage, inwiefern die den Holocaust abbildenden Ausstellungen in den Ländern Frankreich, Polen und Deutschland auf nationale und internationale Besuchergruppen hin konzipiert sind.
Bearbeiter:
Martin Borkowski-Saruhan

In meinem Dissertationsprojekt beschäftige ich mich mit dem Sport in Ostoberschlesien während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Ziel ist eine multiperspektivische Erfahrungsgeschichte des besetzten deutsch-polnisch-tschechischen Grenzraums auf Grundlage der Analyse sportlicher Praktiken während des Krieges. Der Sport als ubiquitäre und gleichzeitig bedeutungsoffene Alltagspraxis vermag jenseits der überholten nationalgeschichtlichen Narrative von Kollaboration und Widerstand die Vielschichtigkeit des Besatzungserlebens analytisch zu fassen, indem er die auf die Gleichzeitigkeit konträrer Erfahrungen und den Eigensinn der historischen Akteur*innen verweist. Damit öffnet er den Blick für die Mehrdeutigkeit, Kontingenz und Dynamik menschlicher Handlungsweisen in Krieg und Besatzung.

Der Untersuchungsraum Ostoberschlesien als transnationaler Zwischenraum erscheint mir in besonderer Weise dazu geeignet, die Vielstimmigkeit und Uneindeutigkeit der Besatzungserfahrungen sichtbar zu machen, denn seine Geschichte (nicht nur) im Zweiten Weltkrieg fügt sich weder in polnische noch in deutsche Meistererzählungen und legt deren Konstruktionscharakter als sinnstiftendes Narrativ offen. Somit geht von der alltagsgeschichtlichen Historisierung der ostoberschlesischen Erfahrung unter deutscher Besatzung ein wichtiger Impuls für eine transnationale Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg in europäischer Dimension aus.

Das nationalsozialistische Besatzungsregime unterwarf die ostoberschlesische „non-national/a-national population“ (T. Kamusella) einer Hierarchisierung entlang rassistischer Kategorien, die nicht zuletzt durch Körperbilder und -praktiken konstruiert wurden. Zwischen Germanisierung und Gewalt wurde der Sport unter den neuen Machtverhältnissen zu einem Mittel der Differenzproduktion, die die Überlebenschancen des Individuums maßgeblich beeinflusste. Die politische Überformung aller sportlichen Aktivitäten vom Schul- und Freizeit- bis hin zum Zuschauersport schuf unmittelbare Handlungszwänge, bei den Ausschlusspraktiken mitzumachen. Doch trotz aller behördlichen Kontrollversuche eröffneten sich ebenso neue Handlungsoptionen, die die propagandistische Inszenierung der „Volksgemeinschaft“ mit ihrer sozialen und Geschlechterordnung performativ stützen wie auch unterlaufen konnten. Der Sport sorgte in ungewissen Zeiten für Ablenkung, suggerierte kurzzeitig Normalität und brachte situative Zugehörigkeiten hervor, zum Teil auch über rassistische Grenzziehungen hinweg. Auf diese Weise stabilisierte er die besatzungsinduzierten Machtverhältnisse und stellte sie gleichzeitig in Frage. In den Konzentrationslagern ermöglichte Sport einigen wenigen das Überleben, während er für die vielen zum Mittel der Erniedrigung und Misshandlung bis hin zum Mord wurde. Im individuellen Aneignen des Sports verschränkten sich somit vielschichtige Motive und Intentionen der beteiligten Akteur*innen, die einander bedingen, ergänzen, verstärken oder auch zuwiderlaufen konnten. In seiner unmittelbaren Körperlichkeit verweist der Sport auf die sinnlich-materiale Dimension der Erfahrung und berührt nahezu sämtliche Lebensbereiche unter deutscher Besatzung: Kriegs- und Gewalterfahrungen, Praktiken der Versorgung und des Mangels, Geschlechter- und soziale Verhältnisse, Gemeinschaftsvorstellungen und rassistische Konstruktionen. Die Analyse der individuellen Aneignungen der durch die Besatzung strukturierten Realität(en), wie sie im Sport zusammenliefen, ermöglicht zudem intersektionale Zugriffe auf das Thema.

Daher erweitere ich meine alltagsgeschichtliche Untersuchung punktuell um körper-, ideen-und politikgeschichtliche Fragestellungen und bediene mich der Methoden der Visual History sowie der Erinnerungs- und Gewaltforschung. Die von mir herangezogenen Quellen reichen von Ego-Dokumenten und zeitgenössischen Presseerzeugnissen über den Sport betreffende behördliche und private Archivunterlagen bis hin zu Oral-History-Interviews, Fotografien, künstlerischen Repräsentationen und Objekten.
Bearbeiter:
Jan Hassink

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich den Sport im von Deutschland besetzten Elsass während des Zweiten Weltkriegs. Ziel der Arbeit ist es, mittels der Analyse sportlicher Praktiken die Alltagsgeschichte der Besatzung zu erforschen und damit die Vielstimmigkeit der Erfahrungen, die Interaktionen zwischen „Besatzern“ und „Besetzten“ sowie die Handlungszwänge und -spielräume der Akteure zu rekonstruieren. Dieses individuelle Kriegs- und Besatzungserleben im Elsass wurde lange Zeit durch den Deutungsrahmen der sinnstiftenden Narrative von Kollaboration und Widerstand überdeckt, die die Geschichtsschreibung der europäischen Besatzungsgeschichte nachhaltig prägten. Derartige national strukturierte Kategorisierungen werden jedoch der Ambivalenz und Dynamik der Wahrnehmungs- und Handlungsweisen im transnationalen deutsch-französischen Grenzraum während der Besatzung nicht gerecht.

Die ganz unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen sportlicher Praktiken und ihr spezifischer Eigensinn ermöglichen es dagegen, die Erfahrungsebene der Akteure jenseits nationaler Meistererzählungen und übergeordneter Strukturen in den Blick zu nehmen. Sport repräsentierte rassistische Ordnungsvorstellungen des NS-Besatzungsregimes im Alltag. Vereinssport, Schul-, Hochschul- und Betriebssport standen unter politischer und ideologischer Kontrolle und erwiesen sich als Exerzierfeld nationalsozialistischer Germanisierungspolitik im Elsass. In Sportveranstaltungen wurde die deutsche „Volksgemeinschaft“ inszeniert. Gleichzeitig bot der Sport den Akteuren Räume alltäglicher Normalität und sozialer Interaktion, die die vermeintlich statischen Grenzen zwischen „Besatzern“ und „Besetzten“ überschritt. Sport ermöglichte Ablenkung, Anerkennung und Lustgewinn, stiftete Zugehörigkeiten und soziale Netzwerke bzw. hielt diese aufrecht. Als Alltagspraktik entfaltete er einen eigenen Sinn für Sportler*innen und Zuschauer*innen, und seine individuelle Aneignung konnte auf Formen von Distanz, Ablehnung, Subversion und Protest verweisen.

In meiner Dissertation verbinde ich damit Alltagsgeschichte mit politik- und ideengeschichtlichen Fragestellungen. Die Arbeit stützt sich auf Ego-Dokumente wie Autobiographien, Memoiren, Briefe und Tagebücher sowie Presseerzeugnisse, programmatische Texte zum Sport und Archivquellen der am sportlichen Leben im Elsass beteiligten Behörden und Organisationen.
Bearbeiter:
Abdurrahman Icyer

Despite the existing interest for the history of the relations between Serbia and Turkey and Russia, there is hardly any systematic study of the Serbian-Turkish relations when the principality of Serbia gained its independence in 1878. Serbia and the Ottoman Empire were keeping an eye on each other. Their foreign interests were the cohesion ground for their cautious rapprochement. For instance, both states were discussing the projects of treaties, which might be signed in the forthcoming years. The research is supposed to show the crucial role of the imperial legacy for the violent Twentieth century in South East Europe. Therefore it analyses the factor of Ottoman Serbs in Macedonia and Bosnia, as well as in other states of the region and follows up on their imprint on the bilateral and multilateral relations of many post-Ottoman or more general post-Imperial states. It therefore asks for the rapprochement of the Serbia and the Ottoman Empire and tries to reveal the value the Serbian-Turkish relations during the Balkan wars, and up to World War I.
Bearbeiter:
Svenja Kipshagen

Wien war die Stadt, von der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche der bedeutendsten wissenschaftlichen, politischen und philosophischen Ideen für die europäische Moderne ausgingen, die das westliche Denken bis heute prägen. Als in den 1930er Jahren auf das „Rote Wien“ der so genannte „Austrofaschismus“ und die Machtübernahme durch Adolf Hitler folgten, wurde das liberale und größtenteils jüdische Wien zur Flucht gezwungen. Viele der deutschen und österreichischen jüdischen Emigranten fanden in den Staaten, die sie aufnahmen, eine neue Heimat und Möglichkeiten, ihre Ideen neu zu formulieren, ihre Forschungen fortzuführen und den neuen Kontexten anzupassen. Lebensweg und Lebensschicksal von Marie Jahoda, der österreichisch-jüdischen Sozialpsychologin und Verfasserin der berühmten Marienthal-Studie, deren umfassendes Werk im Zentrum des Promotionsprojektes stehen soll, stellen in diesem Sinne ein exemplarisches Abbild von Denkbewegungen und Wissenstransfer im 20. Jahrhunderts dar. Die Studie möchte den methodologischen Versuch machen, die biografische Nahsicht auf das Leben und Werk einer außergewöhnlichen Wissenschaftlerin, und die doppelte Minderheiten-position einer Jüdin in christlichen Mehrheitsgesellschaften und männerdominierten Wissenschaftsmilieus mit grundlegenden Überlegungen zur Entstehung, Durchsetzung und Verbreitung von Begriffen, Konzepten und Wissen zu verbinden.