Prof. Dr. Anke Hilbrenner - Professur für Osteuropäische Geschichte

Alltag im Krieg jenseits von Kollaboration und Widerstand: Sport und Gewalt in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs in Ost- und Westeuropa


Sport war während des Zweiten Weltkriegs in den von Deutschland besetzten Gebieten ein Mittel zur Durchsetzung einer gewaltsamen Herrschaftspraxis. Er stabilisierte eine fragile soziale Ordnung in Ost- und Westeuropa, die auf militärischer Überlegenheit und einem menschenverachtenden rassistischen Welt- und Menschenbild beruhte. Diese transnational umgesetzten Wertvorstellungen wurden ebenfalls mittels des Sports ideologisch konstruiert und immer wieder neu ausgehandelt. Unter den Bedingungen von materieller Zerstörung, fundamentalem Mangel an Ressourcen, der Etablierung einer rassistisch hierarchisierten Gesellschaft und der Repression bis hin zum Massenmord ermöglichte der Sport für Besatzer und Besetzte eine zum Teil sehnsüchtig erhoffte Normalität. Im Zuschauersport aufzutreten konnte zudem für bessere Versorgung und andere Privilegien inmitten von Hunger und Angst sorgen. Sport beeinflusste den Alltag im Militär und trainierte die Soldaten. Zugleich war er ein Ort für abweichendes Verhalten, für Protest und Subversion. So wirft die Untersuchung sportlicher Praxis ein Schlaglicht auf die Vielstimmigkeit der Erfahrungen in Krieg und Besatzung.

Das Projekt zielt auf die Rekonstruktion des Kriegserlebens jenseits der Kategorien von Kollaboration und Widerstand. Mithilfe des Sports soll die Alltagserfahrung aus der Perspektive aller beteiligten Akteure in den Blick genommen werden. So wird die Besatzung während des Zweiten Weltkriegs als transnationale europäische Erfahrung untersucht und die nach wie vor wirkmächtige Trennung europäischer Kriegsgeschichte in Ost- und Westeuropa überwunden.

Weil das Projekt das Ziel verfolgt, west- und osteuropäische Erfahrungen in ein Forschungsvorhaben zu integrieren, sind die Fallstudien thematisch und transnational in spezifischen Grenzräumen Ost- und Westeuropas angelegt. Die eine Fallstudie bezieht sich auf den deutsch-französischen Grenzraum (Elsass), die andere untersucht den oberschlesischen Fall. Dabei werden mithilfe der Alltags-, der Ideen- und der Neuen Politikgeschichte die besonderen Bedingungen der Besatzung in den transnationalen Grenzräumen ausgeleuchtet. Nicht der nur zu untersuchende historische Raum ist transnational, sondern auch die europäische Erinnerungsgemeinschaft. Deshalb formiert sich die Projektgruppe mithilfe der Mercator-Fellows (aus Polen, Frankreich und Großbritannien) über nationale Grenzen hinweg. Mithilfe von Doktorandenworkshops, sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich und Polen, strahlt die Projektgruppe in die unterschiedlichen nationalen Communities aus und transzendiert solcherart nationale Erinnerungsgemeinschaften gerade mit Bezug auf das wichtige und sensible Thema "Besatzung jenseits von Kollaboration und Widerstand".


English version:

Sport during World War II in the territories occupied by the Germans executed a violent rule of occupation. It stabilized a fragile social order relying on military dominance and a racist world view. Those (im-)moral concepts were constructed by the meaning of sports and mediated by athletes, sport officials, and spectators. Under the circumstances of destruction, fundamental shortage of shelter and supplies, and the establishment of a racist social hierarchy as well as repression and mass murder, sport displayed a pretence of normalcy that was desired by occupants and the occupied alike. Sport thus became an ?agency? (in terms of ?Eigensinn?). To take part in spectator sports could offer better supplies or other privileges within an environment of fear and need. Sport was part of the military drill. On the other hand it opened up scope for deviant behaviour, protest or subversion. Therefore the research of sport sheds light on the multi layered experience during war and occupation.
The project aims at the research of experiences during World War II beyond the division in between collaboration and resistance. We want to reconstruct every day life during the occupation from a multitude of perspectives (beyond the devision in between occupant and the occupied). Occupation is contextualized as a transnational experience. Therefore we want to overcome the devision of European history of World War II in between East and West. The project thus targets at the integration of East and West European experience with war and occupation, therefore the case studies are located in transnational European borderlands: Alsace and Upper Silesia. We will thus research actors and circumstances of sport and occupation, using the methodology of every day history, intellectual history and new political history in transnational environments.
Not only the historical experience of occupation is transnational, but also the memory of war and occupation. Therefore the project team relies on Mercator Fellows from different national backgrounds (Poland, France and Great Britain). Moreover we will organise workshops in Germany, France and Poland in order to transcend national scientific communities (as well as communities of memory) and create new international networks for the research of the complex topic of occupation during World War II beyond collaboration and resistance.