Jan Hassink


Promotionsprojekt:




In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich den Sport im von Deutschland besetzten Elsass während des Zweiten Weltkriegs. Ziel der Arbeit ist es, mittels der Analyse sportlicher Praktiken die Alltagsgeschichte der Besatzung zu erforschen und damit die Vielstimmigkeit der Erfahrungen, die Interaktionen zwischen „Besatzern“ und „Besetzten“ sowie die Handlungszwänge und -spielräume der Akteure zu rekonstruieren. Dieses individuelle Kriegs- und Besatzungserleben im Elsass wurde lange Zeit durch den Deutungsrahmen der sinnstiftenden Narrative von Kollaboration und Widerstand überdeckt, die die Geschichtsschreibung der europäischen Besatzungsgeschichte nachhaltig prägten. Derartige national strukturierte Kategorisierungen werden jedoch der Ambivalenz und Dynamik der Wahrnehmungs- und Handlungsweisen im transnationalen deutsch-französischen Grenzraum während der Besatzung nicht gerecht.

Die ganz unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen sportlicher Praktiken und ihr spezifischer Eigensinn ermöglichen es dagegen, die Erfahrungsebene der Akteure jenseits nationaler Meistererzählungen und übergeordneter Strukturen in den Blick zu nehmen. Sport repräsentierte rassistische Ordnungsvorstellungen des NS-Besatzungsregimes im Alltag. Vereinssport, Schul-, Hochschul- und Betriebssport standen unter politischer und ideologischer Kontrolle und erwiesen sich als Exerzierfeld nationalsozialistischer Germanisierungspolitik im Elsass. In Sportveranstaltungen wurde die deutsche „Volksgemeinschaft“ inszeniert. Gleichzeitig bot der Sport den Akteuren Räume alltäglicher Normalität und sozialer Interaktion, die die vermeintlich statischen Grenzen zwischen „Besatzern“ und „Besetzten“ überschritt. Sport ermöglichte Ablenkung, Anerkennung und Lustgewinn, stiftete Zugehörigkeiten und soziale Netzwerke bzw. hielt diese aufrecht. Als Alltagspraktik entfaltete er einen eigenen Sinn für Sportler*innen und Zuschauer*innen, und seine individuelle Aneignung konnte auf Formen von Distanz, Ablehnung, Subversion und Protest verweisen.

In meiner Dissertation verbinde ich damit Alltagsgeschichte mit politik- und ideengeschichtlichen Fragestellungen. Die Arbeit stützt sich auf Ego-Dokumente wie Autobiographien, Memoiren, Briefe und Tagebücher sowie Presseerzeugnisse, programmatische Texte zum Sport und Archivquellen der am sportlichen Leben im Elsass beteiligten Behörden und Organisationen.



Forschungsschwerpunkte:

  • Geschichte der deutschen Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs
  • Transnationale Geschichte Deutschlands und Frankreichs im 20. Jahrhundert


Vita:

Seit 08/2017: Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Alltag im Krieg jenseits von Kollaboration und Widerstand: Sport und Gewalt in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs in Ost- und Westeuropa“ an der Georg-August-Universität Göttingen

2016-2017: Referendariat am Studienseminar Göttingen, Ausbildungsschule Geschwister-Scholl-Gesamtschule (Zweites Staatsexamen)

2009-2015: Studium der Fächer Geschichte, Französisch und Latein in Marburg und Poitiers (Erstes Staatexamen für das Lehramt an Gymnasien in den Fächern Geschichte und Französisch, Erweiterungsprüfung in Latein)

Geboren 1989 in Göttingen