Forschen und Ausstellen in der Ethnologie

Am Beginn einer eigenständigen Entwicklung des Faches Ethnologie/ Kultur- und Sozialanthropologie/ Völkerkunde stand das Museum als die entscheidende Institution. In ihrer Gründungszeit waren ethnologische Museen sowohl als Orte für Ausstellungen als auch als Orte der Forschung konzipiert. Außenerwartungen und Legitimationsdruck führten bereits ab der Zeit des Ersten Weltkrieges zu einer Aufgabenverschiebung, die den Forschungsanteil an der Museumsarbeit zurücktreten ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkten Diskussionen über den Bildungsauftrag der Museen einerseits, wie auch die Einrichtung der meisten der heute existierenden Lehrstühle für Ethnologie andererseits die Tendenz, dass Museen eher als Stätten der Vermittlung denn als Forschungsorte wahrgenommen wurden. Universitäre und museumsverortete Ethnologie entwickelten sich in der Folge auseinander. Dennoch blieben Ausstellungen weiterhin das Ergebnis eigenständiger Forschungsvorhaben. Bis in die Gegenwart greifen Museen regelmäßig gesellschaftlich relevante Debatten aus ethnologischer Perspektive auf. Zudem sind sie maßgeblich für die öffentliche Wahrnehmung des Faches verantwortlich.

Das Promotionsprojekt analysiert in einem rekursiven Forschungsdesign die Wissensproduktion ethnologischer Ausstellungen über indigene Bevölkerungen der Amerikas ethnologischer Museen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an den Standorten Frankfurt am Main, Dresden, Leipzig und Zürich sowie deren Wechselverhältnisse mit der Universitätsdisziplin Ethnologie und der Öffentlichkeit.

Wie unterscheidet sich die skilled vision von Universitäts- und MuseumsethnologInnen? Wie verändern sich Wissensbestände durch die spezifischen Eigenheiten des Mediums Ausstellung und welche gesellschaftliche Reichweite dürfen die produzierten Wissensbestände für sich beanspruchen? Welche Rolle nehmen dabei Sinne, Praktiken, Kompetenzen und Medien in der Transformation von ethnologischem Wissen ein und wie kann man diese aus historischem Material rekonstruieren? Und wie und wann werden bestimmte Gesellschaften und ihre materielle Kultur, (sozio-) politische Verhältnisse oder (theoretische) Diskurse Europas und Lateinamerikas in ethnologischen Ausstellungen wie (nicht) thematisiert?

Ziel des Untersuchungsvorhabens ist eine ethnographische Wissens- und Verflechtungsgeschichte ethnologischer Ausstellungen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Verflechtungen und Beziehungen, Transfer und Zirkulation, Bedingungen und Konsequenzen der Wissensproduktion(en) analysiert.

Im zweiten Jahr findet ein einjähriger Feldaufenthalt am Völkerkundemuseum der Universität Zürich statt.

Betreuung: Prof. Dr. Andrea Lauser, Dr. Michael Kraus, Institut für Ethnologie und Ethnologische Sammlung, Georg-August-Universität Göttingen
und Prof. Dr. Mareile Flitsch, Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft ISEK/Völkerkundemuseum der Universität Zürich

Museum: Völkerkundemuseum der Universität Zürich