Ausstellen und ausgestellt werden. Menschliche Präparate zwischen Forschung, Schaulust und öffentlicher Debatte

Präparate mit Teilen „ehemaliger Menschen“ nehmen eine besondere Stellung in der von Objektivitäten geprägten (natur-)wissenschaftlichen Forschung ein. Sie sind Forschungs- und Lehrmaterial, das gegenständlich behandelt wird und zugleich haftet ihnen ein schwer zu bestimmender persönlicher Charakter oder ‚Rest‘ an. Diese Ambivalenz ist unumgänglich, denn sie speist sich nicht nur aus dem möglicherweise abstrahierten Auftreten des Präparats, sondern liegt in seiner Materialität selbst. In Ausstellungen wird sie offensichtlich und zur Herausforderung für die beteiligten Akteure. Wer und was ausgestellt wird, ist also keine banale Frage. Sie stellt sich im Besonderen für im weitesten Sinn menschliche Exponate, die sich wiederfinden zwischen Praktiken und Vorstellungen von gegenständlichen Museumsobjekten und personalisierten ‚human remains‘. Während letztere vor allem im postkolonialen Kontext mit Blick auf Provenienz, Rechtsstatus oder Zeigbarkeit diskutiert werden, ist eine vergleichbare Diskussion für menschliche Präparate im medizingeschichtlichen Kontext weniger stark. Hier setzt das Forschungsvorhaben an und fragt nach den Bedingungen und Kontexten des Ausstellens von menschlichen Präparaten in der Medizin. Ausgehend vom Fallbeispiel Charité Berlin/Humboldt-Universität zu Berlin wird die Entwicklung des öffentlichen Zeigens von menschlichen Präparaten wissenshistorisch untersucht.

Welche Rolle spielen Erscheinungsbild und Präsentationsformen für die expositorische Verortung von Präparaten zwischen den Polen ‚Person‘ und ‚Material‘? Welches Wissen wird hervorgekehrt und was nicht gezeigt? Welche Bedingungen und Akteure (strukturell, wissenschaftlich, persönlich) sind beteiligt und wie hat sich der Schauwert in Respons zu öffentlichen Debatten in den letzten 50 Jahren möglicherweise verschoben?

Maßgeblich ist in diesem Zusammenhang das Phänomen der ‚Körperwelten‘, das seit den 90er Jahren große mediale Aufmerksamkeit generiert. An die objekt- und materialästhetischen schließen sich daher ethische Aspekte an: Auf welche Art und Weise können oder sollen tote Menschen oder Teile von ihnen gezeigt werden? Wie steht eine Ethik des Ausstellens menschlicher Präparate in Zusammenhang mit medialen ‚Blockbustern‘ wie den ‚Körperwelten‘? Und wie grenzen sich medizinische von anderen Ausstellungssituationen ab? Um Kontinuitäten, Brüche und Verschiebungen des Problemfeldes in ihrer historischen Genese zu analysieren und wissensgeschichtlich zu kontextualisieren, setzt das Untersuchungsvorhaben zeitlich vor den ‚Körperwelten‘ ein. So entsteht eine objektzentrierte, ereignishafte und ethisch informierte Ausstellungsgeschichte, die ausgehend von menschlichen Präparaten die Entwicklung universitären Ausstellens im Schnittfeld von Forschung und Öffentlichkeit verfolgt.

Zurzeit findet ein einjähriger Feldaufenthalt im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt statt.

Betreuung: Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin,
Georg-August-Universität Göttingen

Museum: Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt