Der ‚Schauwert‘ von Human Remains. Ausstellungen als Akteure im (medizin-)ethischen Diskurs

Die inhaltliche Konzeption einer wissenschaftlich fundierten Ausstellung, vor allem aber die Auswahl, Inszenierung und thematische Kontextualisierung der Exponate gehorchen implizit oder explizit auch ethischen Imperativen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die ausgestellten Objekte den Menschen selbst oder menschliche Überreste betreffen, was nicht erst seit den „Körperwelten“ Gunther von Hagens breite Aufmerksamkeit findet.

Ausstellungen machen nicht nur ihren jeweiligen fachwissenschaftlichen Bezugsrahmen explizit (und verändern ihn), sondern wirken sich auch auf das Menschenbild der Wissenschaft sowie gesellschaftliche Wert- und Normensysteme aus. Im Falle medizinhistorischer Ausstellungen ist das Verhältnis zwischen Disziplin und Gesellschaft besonders dynamisch. Wegen der disziplinären Nähe zu ethischen Fragestellungen ist hier die Reflexion über Normen- und Wertesysteme wenn nicht notwendig das Ziel, so doch obligatorischer Bestandteil konzeptioneller und inhaltlicher Überlegungen.

Das Dissertationsprojekt untersucht Ausstellungen mit medizinhistorischem Fokus ab 1950 als Akteure eines gesellschaftlich wirksamen ethischen Diskurses. Das Projekt widmet sich einigen der folgenden Fragen: Welche Positionen werden implizit oder explizit bezogen, und wie antworten Ausstellungen damit auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen über die medizinische und naturwissenschaftliche Betrachtungsweise des Menschen und seiner Überreste bzw. nehmen selbst als Akteure daran teil? Was wird in Ausstellungen als Grenzüberschreitung wahrgenommen, wie wird darauf von der Fachwissenschaft, der Öffentlichkeit und den individuellen Museumsbesucher*innen reagiert, um welche Objekte und Präsentationsweisen geht es? Auf was wird bewusst verzichtet, und welche Objekte werden nicht gezeigt? Auf welche Präsentationsmedien und -ästhetiken wird bei der Ausstellung sensibler Exponate zurückgegriffen? Wie ist das Verhältnis zwischen Sonder- und Dauerausstellungen beschaffen? Mit diesen Fragen wird nicht nur das „Endprodukt“ Ausstellung zum Forschungsgegenstand, sondern auch – soweit möglich – der jeweils vorgeschaltete Entscheidungsprozess.


Betreuung: Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin,
Georg-August-Universität Göttingen

Museum: Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt