Koloniales Erbe Ausstellen: Post(-)koloniale Ausstellungspraktiken deutscher Hafenstädte seit den 1970er Jahren

Die Debatten der letzten zwei Jahrzehnte haben in vielen europäischen Ländern die eigene Kolonialvergangenheit ins Gedächtnis gerufen und zuweilen auf die politische Tagesordnung gesetzt. In Deutschland sind dabei vor allem die Jahrestage des Völkermordes an den Herero und Nama zu nennen. Auch setzen sich in vielen Großstädten Bürger*innen und Initiativen mit Straßennamen auseinander und tragen damit zu einer Dekolonisierung des öffentlichen Raumes bei. Die Diskussion um die Provenienz ethnologischer Sammlungen und das neu entstehende Humboldt-Forum in Berlin haben dabei auch das Museum in den Fokus der Diskussion gerückt und die Frage nach post-kolonialen Kontinuitäten von musealen Räumen öffentlichkeitswirksam gestellt.

Das Promotionsprojekt setzt hier an und geht der Frage von post-kolonialen Kontinuitäten musealer Räume anhand des Fallbeispiels deutscher Hafenstädte nach. Durch ihre Rolle im globalen Handel wurden diese oft zu Knotenpunkten des deutschen Kolonialismus und verfügen daher über vielgelagerte Bezüge zu diesem Teil deutscher Geschichte. Wechselt man auf die Seite der Präsentation dieser Stadtgeschichten, so lassen sich in diesen Städten eine Vielzahl an Museen finden, die über koloniale Sammlungen verfügen und deren Ausstellungspraxis das Thema kolonialer Ausbeutung immer wieder betrifft. Neben den in der aktuellen Diskussion vor allem besprochenen Ethnologischen Museen fallen darunter unter anderem auch Stadt- und Stadtteilgeschichtliche Museen, Schifffahrtsmuseen sowie Kunst- und Gewerbemuseen. Einer ersten Vermutung nach, die es im Forschungsprozess zu überprüfen gilt, verwendeten diese Museen entsprechend ihrer gesellschaftlichen Funktion unterschiedliche Strategien, um über die koloniale Vergangenheit zu sprechen oder gerade nicht zu sprechen. Auf diesen vielfältigen Umgang und die verschiedenen Praktiken des (Ver-)Schweigens legt das Projekt ein zentrales Augenmerk.

In historischer Rückschau wird die Vorgeschichte des seit einigen Jahren einsetzenden Umbruchs und Umdenkens untersucht und hierbei zum einen gefragt, wie sich das Wissen über die koloniale Vergangenheit sowohl im akademischen wie gesellschaftlichen Diskurs seit den 1970er Jahren wandelte. Zum anderen soll Aufschluss darüber gegeben werden, wie sich dieser Wandel in Museumsausstellungen niederschlug und inwiefern dieser Wandel selbst Impulse aus Museumsräumen erfuhr. Zentrale Fragen werden dabei sein: Welchen Stellenwert nahmen Objekte der kolonialen Sammlungen in Ausstellungen der 1970er-1990er Jahre ein? Welche Episoden der Kolonialgeschichte wurden erzählt und welche nicht?
Im Hinblick auf Museen ist dabei auch zu erforschen, inwiefern die fortschreitende globale Dekolonialisierung die Dynamik des Ausstellungswesens veränderte. Neues Wissen und neue Akteur*innen beteiligten sich zunehmend an der diskursiven Praxis um die Repräsentation der kolonialen Vergangenheit in europäischen Metropolen und trugen damit zur aktuellen Kritik an Museen und ihren post-kolonialen Kontinuitäten bei.
Die Ausstellungen werden dabei nicht nur in Bezug zum wissenschaftlichen Fachwissen gesetzt, sondern auch zum jeweiligen erinnerungspolitischen Diskurs sowie zu den politischen Transformationsprozessen auf globaler Ebene.


Betreuung: Prof. Dr. Rebekka Habermas, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Museum: Research Center for Material Culture, Leiden