Die kosmopolitische Stadt. Riga als globaler Hafen und internationale Handelsmetropole (1861-1939)


Rigas weltweites Handelsnetzwerk
Für den Ostseehandel hatte Riga seit der Hanse große Bedeutung. Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jh. entwickelte sich Riga zu einem Handelsplatz globalen Ranges und der Handel erlebte einen exponentiellen Anstieg.
Wie die ArcGIS Karten zeigen, stieg die Zahl der Städte, mit denen Riga Handelsbeziehungen unterhielt, in jedem Jahrzehnt stärker an und erreichte 1913 den Höhepunkt. Die Karte von 1913 verzeichnet 854 Handelskontakte — im Vergleich dazu hatte Riga im Jahre 1883 erst 527 Handelskontakte.


Der Rigaer Hafen: Zunahme von Export und Import zur See
Im Zeitraum 1901 bis 1905 wurde Riga zum umsatzstärksten Hafen im Russländischen Kaiserreich und überholte seine beiden Hauptkonkurrenten St. Petersburg und Odessa. 1913 entfielen 17,2 Prozent des russländischen Gesamtumsatzes auf Riga, 14,0 Prozent auf St. Petersburg und 6,4 Prozent auf Odessa.
Riga war seit der Hanse ein wichtiger Exporthafen für Agrarprodukte. Zwischen 1881 und 1913 vervierfachte sich der Export jedoch nochmals, so dass Riga am Wert des Umsatzes gemessen zum wichtigsten Exporthafen des Russländischen Kaiserreichs aufstieg. 1913 wurden 18,2 Prozent der russländischen Exporte über den Rigaer Hafen ausgeführt, lediglich 9,6 Prozent entfielen auf St. Petersburg und 7,1 Prozent auf Odessa.
Der Wert der Exporte blieb im gesamten Untersuchungszeitraum höher. Aber die Importe erfuhren zwischen 1881 und 1913 eine Steigerung um das 6,7-fache, angestoßen durch die vermehrte Einfuhr von Rohstoffen und Maschinen, die das Russländische Kaiserreich für seine Industrialisierung benötigte. Als Importhafen stand Riga im russländischen Vergleich an zweiter Stelle. 1913 entfielen 16,1 Prozent der Importe ins Russländische Kaiserreich auf Riga, 18,6 Prozent auf St. Petersburg und 5,7 Prozent auf Odessa.

Vom europäischen zum globalen Handelsplatz
Die Karten zeigen nicht nur eine Verdichtung des Handels in Europa zwischen 1883 und 1913, sondern auch eine globale Erweiterung mit neuen Handelsbeziehungen nach Südamerika und Australien. Auch der Handel mit dem eurasischen Hinterland verdichtete sich, da immer neue Zulieferer aus dem Russländischen Kaiserreich für die in Westeuropa stark nachgefragten Agrarprodukte hinzukamen. Zu den Exportschlagern Rigas gehörten traditionelle Produkte wie Hanf, Flachs, Holz und Getreide. In der ersten Dekade des 20. Jh. wurde Riga zum wichtigsten Umschlagsplatz für Holz weltweit. Dazu kamen zu Beginn des 20. Jh. neue Produkte wie Butter und Eier.

Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg
Während des 1. Weltkriegs blieb der Rigaer Hafen geschlossen; danach konnte der Handel nur mühsam und allmählich wiederbelebt werden. Die politische Situation blieb bis 1920, als Lettland seine Unabhängigkeit militärisch durchsetzen konnte, ungewiss. Die wirtschaftliche Lage war schwierig, da Riga während des 1. Weltkriegs seine gesamte Industrie durch Evakuierungen ins russische Hinterland verloren hatte. Für die 1920er Jahre existieren zudem keine Statistiken, die die Handelsbeziehungen nach Orten auflisten. Daher ist erst der Vergleich ab 1933 möglich. Im Vergleich der Karten von 1913 und 1933 zeigt sich deutlich, dass ein großer Teil des Handels mit dem eurasischen Hinterland weggebrochen war. Der Rigaer Hafen exportierte nun primär Agrarprodukte aus Lettland. Zwar hatte die lettische Regierung mit der Sowjetunion 1927 einen Handelsvertrag geschlossen, aber das zwischen Lettland und der Sowjetunion umgesetzte Handelsvolumen blieb niedrig. Riga fungierte als Importhafen sowie als Zwischenhandelsplatz für die in der Sowjetunion benötigten Rohstoffe und Industrieprodukte. Dazu gehörten vor allem auch Maschinen, die aus diesen Staaten nicht direkt verschifft werden konnten, entweder weil es z.B. mit der Tschechoslowakei keine direkten Handelswege gab oder weil Länder wie Großbritannien die Sowjetunion als Staat nicht anerkannten und daher weder diplomatische noch wirtschaftliche Kontakte unterhielten. Als Exporthafen für sowjetische Agrarprodukte spielte der Rigaer Hafen in den 1920er und 1930er eine untergeordnete Rolle.

Bei den aufgeführten Namen in den Labels handelt es sich um die damals üblichen deutschen Ortsnamen und Transliterationen, wie sie in den Quellen (Beiträge zur Statistik des Rigaschen Handels, Jg. 1883-1913, hrsg. im Auftrage der Handelsstatistischen Section des Rigaer Börsencomités, Riga 1884-1914) aufgeführt sind.